Die Zeit der Konsumenten

von alex olma | 17. Dezember 2009 | 10:42 Uhr

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Gegenüber dem ‘Manager Magazin’ wettert der Vorstandsvorsitzender des deutschen Medienunternehmens Axel Springer AG, Mathias Döpfner, munter weiter gegen seine Leser. Stichworte wie ‘Kostenloskultur’ und ‘Schmarotzertum’ mischen sich mit Beleidigungen wie ‘verirrten Web-Kommunisten’ oder Open-Access-Evangelisten’. In seiner abstrusen üblen Nachrede gegenüber dem Netz, seinen (zahlenden) Konsumenten, Google und überhaupt dem ganzen Journalismus, ist es ihm nicht zu dumm auch sich selbst als inkompetent nach Außen zu geben:

Es kann nicht sein, dass die dummen Old-Economy-Guys für viel Geld wertvolle Inhalte erstellen und die smarten New-Technology-Guys sie einfach stehlen und bei ihren Werbekunden vermarkten.

In seiner Position, als Kapitän eines der größten Verlagshäuser, sinkt meine Hoffnung auf einen Kurswechsel. Ein Untergang wäre zweifelsfrei sehr bedauernswert. Sowohl für die Presse(-landschaft), wie auch seine Funktion als Kontrollorgan. Aber vielleicht muss auch erst einmal ein großer Medientanker sinken, damit die Flotte auf die Windrichtung schaut.

Anzuschauen gilt es ebenfalls die 300 Negativbewertungen, welche die Axel Springer-Anwendung ‘Bild’ innerhalb von acht Tagen im App Store erzielte. Die Applikation beschreitet damit nicht nur einen Bewertungs-Negativrekord, sondern auch den ersten Platz in den Hitlisten der iPhone-Programme. Bizarr.

Ob wirklich jedem Käufer bewusst ist, dass nach einem Monat ‘Zeitungslesen’ für 79 Cent die Anwendung keine neuen ‘Inhalte’ ohne zusätzliche Abonnentengebühr mehr ausliefert? Im Januar wissen wir mehr.

Die Kommentare zu lesen, ist vielleicht generell keine schlechte Idee. Als das Hamburger Abendblatt (ebenfalls vom Axel Springer Verlag) seinen Online-Lokalteil auf ein Bezahlmodell umstellte, sammelten sich in den letzten zwei Tagen 485 Kommentare an, die sich nicht damit zufriedengeben Zeit und Geld einer uneinsichtigen Branche hinterherzuwerfen. Besonders dann, wenn sie dem wertvollsten Gut – ihrer Leserschaft – des ‘grotesken Freibierkonsums’ bezichtigt.

Eine schöne Antwort, sowohl auf Döpfner-Dampfplauderei als auch Matthias Iken’s Abendblatt-Ausführungen, hat Christian Stöcker für den Spielgel verfasst (Springer-Chef schimpft auf “Web-Kommunisten”). Und ‘Die Zeit’ rollt auf, wie (Lokal-)Journalismus dieser Tage in der Praxis aussieht (Deutschland, entblättert). Beides sehr lesenswert.

Die Aufwendung ihrer ‘Lebenszeit’, die Leser bereit sind zu investieren, würde ich gerne an einem App Store-Beispiel aufgreifen. Bei der $4-Anwendung vom ‘The Guardian’ (ausschließlich im US-Store) schlug ich am Dienstag sofort zu. Eine breite Aufstellung an Informationsquellen kann nie schaden…

Von der Erstellung eines iTunes US-Accounts und der Befütterung mit Geld einmal ganz abgesehen, startete die Anwendung nicht auf meinem iPhone 3GS. Der erste Blick fiel auf den Jailbreak, der kürzlich schon anderen Anwendungen in die Suppe spuckte. In mühevoller Kleinarbeit habe ich die einzelnen (inoffiziellen) Systemerweiterungen herausgeworfen. Ohne Erfolg. Mehrfaches Löschen und die Neuinstallation über iTunes haben ebenfalls nicht geholfen. Das Programm offenbarte weiterhin nur einen kurzen Blick aufs Logo, bevor es sich ohne Fehlermeldung beendete.

Eine komplette Wiederherstellung des iPhones war es mir wert, die Anwendung zum Laufen zu bringen. Und mittlerweile weiß jeder iPhone-Besitzer mit mehr als 10 Anwendungen, welche Zeitressourcen dafür fällig werden.

Doch auch das, half nicht. Aus Verzweiflung schob ich die Anwendung auf vier (!) andere Geräte, die sich über die letzten Jahre hier angesammelt haben, und nicht mehr gehen wollen. Zum kompletten Unverständnis, startet auf nur einem der Testgeräte die besagte Anwendung. Im Netz waren keine derartigen Probleme dokumentiert.

Jedoch hätte auch hier ein Blick in die App Store-Beschreibung geholfen, in der als Notiz vermerkt wurde: “This app currently supports UK, US & Ireland region formats only.”

Richtig gelesen. Das ‘regionale Format’ der Landeseinstellungen (beispielsweise für Zahlen und Datum) ist umzustellen, damit die Anwendung (problemfrei) startet. Warum? Keine Ahnung, aber es handelt sich bestimmt um einen Fehler des Konsumenten, der in einem ihm nicht zugewiesenen Download-Geschäft einkauft und seine Telefonnummern trotzdem weiterhin mit +49 formatiert wissen möchte…

Soviel zum Thema Zeit, das ein Konsument für Qualität bereit ist, zu investieren.

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  • Alexander

    Wenn die Verlage so dagegen sind, dass ihre Inhalte frei im Web stehen, warum machen sie dann nicht einfach die Webseiten zu?
    Wenn jetzt noch jemand bemerkt, dass der Transport der Zeitungen von der Druckerei zum Kisok auch Geld kostet, gibt es dann die Zeitungen nur noch direkt im Verlagshaus? Dieses ‘Schmarotzertum’ seine Zeitung irgendwo kaufen zu können sollte auch eingestellt werden.

  • Sivi

    Ein gut gelungener und höchst zynischer Artikel, der nicht nur unterschwellig auf einen gewissen “Wahnsinn” aufmerksam macht. Sehr lesenswert, danke dafür!

    Liebe Grüße,
    Sivi

  • http://twitter.com/pscht henning

    Alex, ich bin begeistert: Das nenne ich mal Aufopferung im Namen der fundierten Berichterstattung! Deine Leidensfähigkeit mit der Guardian App. ist beeindruckend und beängstigend zugleich ;)

  • http://twitter.com/pscht henning

    So Alex und nun schau dir doch mal bitte diesen Spot an – hab ihn gerade im AT Fernsehen gesehen http://www.youtube.com/watch?v=5B5cyKpLFsY WELT kompakt – die “neue” Zeitung – macht Werbung mit der Zielgruppe Generation Internet. Noch absurder gehts dann wirklich nicht.

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  • http://www.iphoneblog.de iphoneblog

    Dafür krame ich einmal den 15 Jahre alten Spruch: 'großes Kino' aus der Schublade!

  • blubalu

    Keine Ahnung, warum ich fuer The Guardian unbedingt 3.99 ausgeben sollte. Das ist ja nicht mal auf deutsch ;)

    Andererseits verstehe ich nicht, warum du nicht bereit bist, Geld fuer das Lesen von Presseartikeln zu zahlen bereit bist. Ich selbst kaufe zwar auch nur alle Jubelmonate mal eine Zeitschrift oder Tageszeitung aber finde es dann ganz natuerlich, dafuer auch etwas zu bezahlen.

    Deine “Öhms” und “Ähms” in den Podcasts sind allerdings gottseidank noch kostenlos…

  • http://www.iphoneblog.de iphoneblog

    Oh. Ich bezahle für Qualität viel, viel Geld, Zeit und mache dafür dann auch noch Werbung. Soviel ist sicher…(ganz ohne 'Ähms')!

  • http://twitter.com/SPeitsch Sebastian Peitsch

    Zur Qualität der Guardian-App hast Du aber gar nichts gesagt Alex wenn Du mal genau hinschaust…

    Indirekt lese ich einen Hinweis heraus, dass der Guardian Deiner Ansicht nach eine gute Zeitung ist. Worauf begründet sich diese Einschätzung?

    Aus Programmierersicht halte ich übrigens die Forderung nach englischem Regionalformat für logisch. Du kannst nicht ernsthaft Deinen Wunsch, eine englische App auf einem deutschen iPhone zu benutzen, auf Protektionismus schieben (ich glaube Du machst das auch nicht, aber im Kontext von Döpfner und co. könnte man das wirklich so verstehen). Die ConvertBot App hatte doch zwischendrin auch das Komma/Punkt Problem – wenn schon Programmierer solcherlei Applikationen, die international freigegeben wurden, solcherlei Dinge passieren, dann kann man eventuell von den Programmierern der Guardian App nicht verlangen, internationale Konformität zu haben, wenn sie es doch nur für den englischsprachigen Markt freigeben – UND es in die Beschreibung packen.

    Für mich klingt das eher nach einer lustigen Geschichte über einen User, der RTFM hätte beherzigen sollen ^^;

  • http://twitter.com/pscht henning

    Das sehe ich nicht ganz so – klar kann man durchaus das englische Regionsformat voraussetzen, aber eine kurze programmatische Prüfung auf die gesetzte Einstellung gehört meiner Meinung einfach dazu. Das ist eine Frage des Softwaretestens. Das Programm hingegen einfach so abschmieren zu lassen ist eher kein guter Stil.

  • http://www.iphoneblog.de iphoneblog

    Meine Kritik bezog sich vornehmlich auf die ungenügende Benutzerführung. Gerade das neue App Store-Layout in iTunes versteckt ganz gut 'die Anleitung' – eine Anwendung sollte schon selbsterklärend sein und solche 'einfachen' Hinweise einblenden.

    Zur generellen Qualität der Anwendung ist im Text alles gesagt: “Eine breite Aufstellung an Informationsquellen kann nie schaden…” :) Ich finde es von Zeit zu Zeit ganz nett, die britischen Perspektiven zu lesen.

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