[update] Auf- und Anregungen im App Store

von alex olma | 22. Februar 2010 | 10:13 Uhr

Erneut sprudeln die App Store-Emotionen über. Der Apple-Genehmigungsprozess biss (anscheinend) in der abgelaufenen Woche kraftvoll zu und verputzte Programme mit angedeuteten, implizierten bis eindeutigen Erotik-Inhalten. Jon Atherton, Entwickler hinter Wobble iBoobs startete am vergangenen Freitag den Meinungs-Diskurs, der daraufhin über das Internet hereinbrach.

Atherton legte bereits am Sonntag nach und spricht von derzeit 5.000 ausgeschlossenen Anwendungen. Des Weiteren veröffentlichte er die (angeblich) von Apple (ihm gegenüber) kommunizierten (neuen) Richtlinien. Weitere Entwickler meldeten sich zu Wort. Sowohl die Store-Disqualifizierungen, als auch die (veränderten) Verordnungen, führen zu allumfassenden Diskussionen.

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Gegenüber dem iPhoneBlog meldeten sich am Freitag auch zwei deutsche Entwickler, die aktuell mit dem vierten Ablehnungs-Durchlauf ihrer Programm-Einsendung kämpfen. Die Anwendung ‘Wonderfull’ erhielt neben einem persönlichen App Store Mitarbeiter-Anruf auch detaillierte Erklärungen über die Zurückweisung. Dabei sollen ‘unzulässige’ Stichworte im Beschreibungstext und zu ‘obszöne’ Silhouette-Darstellungen eine Genehmigung verhindert haben.

Die anstehende Anwendung lässt – ähnlich wie Wobble – ‘Dinge wackeln’. Die ‘anregenden’ Möglichkeiten des Programms, die durch Foto- und Text-Erläuterungen in der App Store-Beschreibung versucht wurden zu implizieren, gelten explizit als Reklamationsursache.

Die zügige sowie unmissverständliche Kommunikation vom App Store-Prüfer gilt nach Aussage der Entwickler als tadellos. Für die letzte Bemängelung (oben im Bildvergleich), gab es bereits nach zirka vierundzwanzig Stunden eine Rückmeldung. Jedoch gestaltet sich der Genehmigungsprozess nicht unkomplizierter, dass beinahe jede Vorlage von anderen Mitarbeiter unter Beobachtung genommen wurde.

Moralvorstellungen

Der Umstand, dem diese Diskussion zugrunde liegt, ist ein alter Hut alles andere als neu. Es geht einmal mehr um die Richtlinie, die Apple den seinen App Store-Programme auferlegt. Als mit Firmware 2.0 der App Store sein Debüt feierte, umriss Steve Jobs das Reglement so:

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Eine transparente Dokumentation, wer welche Chancen für eine Veröffentlichung seines Programms sieht, steht bis heute aus. Während viele Entwickler ‘das Unvorhergesehene’ (engl. ‘Unforeseen’) als kritischsten Punkt deklarierten, unterliegen auch die anderen ‘Leitfäden’ einem breiten Interpretationsspielraum. Die jetzige Debatte um ‘Pornografie’ genießt in unterschiedlichen Kulturkreisen, Ländern, Kommunen und sogar Altersstufen eine divergente Anschauung. Schon das intendierte Verständnis gestaltet sich teils komplett andersartig: Eine digitale Ausgabe von ‘Mein Kampf’ (in spanischer Übersetzung) hätte es mit einem deutschen App Store-Prüfer sicherlich nicht durch die Zulassung geschafft, bis es nach einigen Tagen wieder entfernt wurde.

Die Diskussionsteilnehmer vermuten für den jetzigen Apple-Kahlschlag eine Beeinflussung der Interessengruppe ‘Parents Television Council’, die sich in den USA für ‘sehr restriktive’ Moralvorstellungen in Funk und Fernsehen einsetzt. Ihre Kampagne ‘Stop Apple Providing Porn to Kids‘ soll die unzähligen Bikinianwendungen ins Schuss- und Blickfeld rückten. Apple versucht derzeit alleine mit der Vergabe von Altersangaben für App Store-Anwendungen dem Problem zu begegnen. Leider erfolglos. Viele Anwendungen, die auf das Internet zugreifen (Stichwort: Wikipedia), erhalten eine hohe Alterseinstufung ‘ab 17 Jahren‘. Die Bezeichnung ‘absurd’ ist dafür eine grobe Untertreibung.

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Durch die alleinige Kontrollinstanz Apple, die als börsennotiertes Unternehmen agiert (agieren muss), dürfen wir uns von der Vorstellung verabschieden, jemals Ruhe in den Prozess der Regulierung zu bekommen. Es gibt keine einheitlichen Vorstellungen von Sittlichkeit oder Wertvorstellungen, die mit dem aktuellen System zu bedienen sind. Wer sich anmaßt zu bestimmen, was ‘App Store-Unkraut’ ist und was nicht, verliert das Recht eine Zensur zu kritisieren.

Trotz 140.000 Anwendungen ist der App Store immer noch jung und (hoffentlich) offen für Veränderungen. Ob ein Wunsch besteht, dieser Öffnung nachzukommen (beispielsweise mit einer Art ‘Altersnachweis’ für die Kategorie ‘Erwachsenenunterhaltung’), bleibt zum jetzigen Zeitpunkt unbeantwortet. Das System kämpf meiner Meinung nach aktuell mit noch viel substanzielleren Problemen wie beispielsweise der komplett kaputten Stichwortsuche. Unter teils skurrilen Schlagworten, findet man im Store ‘die besten Babes in knapper Kleidung’. Der gegenwärtige Rundumschlag der ‘Aussortierung’ darf jedoch nicht als simpler Selbstschutz interpretiert werden.

Summa summarum gilt: Es wäre schädlich, wenn die Diskussion um den App Store-Genehmigungsprozess einschläft. Die jetzige (geschlossene) Form verlangt nach einer anhaltenden Debatte, um das breiteste Spektrum an unterschiedlichen Vorstellungen mit einander zu vereinen.

Update

Apples Phil Schiller bezieht in einem New York Times-Interview Stellung zu der großflächigen App Store-Bereinigung, und gibt als Grund für die Programm-Ausschlüsse Kundenbeschwerden an:

It came to the point where we were getting customer complaints from women who found the content getting too degrading and objectionable, as well as parents who were upset with what their kids were able to see.

  • Pingback: uberVU - social comments

  • http://www.app-records.com/ Stefan

    Danke für diesen guten Artikel, der bringt die Problematik auf den Punkt und vermeidet jegliche Spitzen gegen Apple und deren Review-Teams.

    Obwohl wir das vergangene Feedback des Review-Teams nicht immer nachvollziehen können, gehen wir fest davon aus dass WonderFULL und WonderFULL Pro bis zum Ende der Woche im Store sind.

    Wir werden dazu ein Update hier posten, hoffen aber im Namen der ganzen Entwickler-Szene dass Apple sich durchringt die Rejection-Kriterien klarer herauszustellen und somit jedem Entwickler eine faire Chance im AppStore gibt.

    In diesem Sinne,

    Stefan (App Records)

  • http://macx.de David Maciejewski

    Du redest im Artikel eigentlich von zwei Dingen: Apples Politik bei der Genehmigung von Apps und die 5000 Apps mit anstößigen Inhalten. Letzteres begrüße ich außerordentlich.

    Ich schaue öfters auf dem iPhone im AppStore nach neuen Apps und habe in letzter Zeit extrem viele Apps mit nakten Frauen gesehen. Das ging mir tierisch auf die Nerven, weil ich auf diese Art von Apps überhaupt keine Lust habe. Als ich darauf hin in den Einstellungen mir selbst testweise die Jugendbeschränkung auferlegt hatte, änderte das nichts an der Auflistung dieser Apps im Store. Die ganze Altersfreigabe bringt nichts, wenn weiterhin jedes Kind im AppStore-Listing diese Apps sieht, sich die Beschreibung durchlesen und die Screenshots ansehen kann.

    Ganz gleich, welcher Interessensverband auch die Initialzündung gegeben hat, dass Apple löschend eingriff, das war dringend nötig.

  • http://www.taptoplay.de/ Lakeshore | taptoplay.de

    Das Problem ist die Inkonsequenz, in der Apple die Alterseinschränkungen im Store umsetzt. so kann ich durchaus 17+ in meinem iTunes einstellen. Als Ergebnis werden mit weiterhin Hunderte Asia-Bikini-Apps angezeigt, inkl. Icon. Ich kann in die Detailbeschreibung (mit großen Icon) gehen, nur kaufen oder Screenshots anschauen geht nicht. Hier würde ich mir wünschen, dass Apple derartiges Apps vollständig ausblendet und nicht in Form der Suchergebnisse bewirbt.

    Ansonsten kommt hier wieder die US-Moralvorstellung durch: Apps, die Waffen nachbilden, bei denen ich Leuten in den Kopf schießen muss oder wo Menschen brennend durch die Gegend laufen sind in Ordnung, Frauen dürfen aber nur noch gezeigt werden, wenn sie eine Burka anhaben.

    Für mich untragbar.

    Aber ich war eigentlich überrascht, dass Apple sich überhaupt soweit gelockert hatte, dass solche Apps zugelassen wurden…

  • http://twitter.com/SPeitsch Sebastian Peitsch

    Alles was ich hier rauslese ist, dass es für jedes Land mit eigenen Kontrollinstanzen auch eigene Kontrollinstanzen bei Apple geben muss.

    Wie kann es denn bitte sein, dass Apple-Mitarbeiter darüber entscheiden dürfen, ob Doom in Deutschland zugelassen werden darf oder nicht? Mehr noch – Vorauseilender Gehörsam führt zu indirekter Zensur. Und das ist gegen das Grundgesetz.

  • http://www.taptoplay.de/ Lakeshore | taptoplay.de

    Ja, das muss es geben. Schon “17+” ist ja mit den hiesigen Klassifikationen nicht deckend (18+).

    Doom ist dafür ein gutes Beispiel. Das ist in D indiziert. Aber die 17+-Einstellung greift nicht, da Doom nur für Personen ab 18 einkaufbar sein darf. Da der AppStore keine Einstellung höher als 17+ vorsieht, kann Doom folglich auch nicht angeboten werden.

    Und wenn ich mich richtig erinnere, sind die Alterseinstellungen für Entwickler nicht einmal definierbar. Da muss der Entwickler “enthält Gewalt” ankreuzen und dann pappt Apple irgendeinen Altersstempel rauf, der weltweit gilt. Das komplette System bei Apple ist kaputt.

    Bin gespannt, wann ihnen auffällt, das man über die eingebaute Google-Suche Porno-Bilder- und -Videos finden kann, sofern man den Google-Filter abstellt.

  • Almi

    2 Dinge sollte man in der Diskussion nicht vergessen:

    1. Es gab auch vor dem umfassenden Big Bang am Wochenende im App Store keine wirklich pornographischen Apps – auch wenn die Titel durchaus anderes suggerieren konnten. Was hier auf den Index wandert mag zwar oft qualitativ schlecht sein, aber eben nicht immer. Wobble und manch andere Calender Girls sind z.T sogar wirklich witzig, oder mindestens wertige Erotik – beides Themen, die man beim besten willen nicht vorverurteilen sollte. Eine Serie wie Baywatch – nach den neuen Regeln zweifellos ein Indexkandidat – lief in über 140 Ländern mit bis zu wöchentlich 1 Milliarde Zuschauern, ohne dass die Welt in einen moralischen Abgrund gerutscht wäre!

    2. Ging es aber nicht um das Pornographie, sondern wirklich um eine Qualitätsdebatte, dann würde man mit dem Fokus auf anzügliche Inhalte einfach deutlich zu kurz springen: Wer verbietet denn dann die etlichen Flashlight-Apps, die billigheimer Toolboxes oder auch manches echt zweilfelhafte Spiel?

    Am besten niemand. Ich für meinen Teil kann mit schlechten Apps eher leben, wie mit zensierten – zumal man ersteres Problem mit funktionierenden Filtern ja auch deutlich liberaler in den Griff bekommen könnte.

  • Geröll

    Apples Verbannung trifft aber auch Apps, die aufgrund ihres Titels
    falsch eingeschätzt wurden und nichts Sexuelles enthalten.
    Siehe: http://blog.readbox.net/apples-willkur-oder-was…

  • Alexander

    Unterscheidet Apple eigentlich in welchem Land und für welches Land man Apps einreicht?

    Gibt es nationale Reviewer? Wenn die Amis prüde sind und keine nackte Haut sehen wollen ist das ok. Das gilt für große Teile der restlichen Welt aber nicht. Hier werden keine Moralvorstellungen verletzt.

    Was hier auch schon mehrfach angesprochen wurde ist, dass Apples Jugendschutzfilter in iTunes nicht wirklich gut sind. Hier sollte Apple nachbessern.

    Was ich an der ganzen Diskussion aber nicht so sonderlich gut finde ist, dass einfach nachträglich Apps aus dem Store entfernt werden, die zuvor zugelassen wurden. Hier scheint Apple mit zweilei Maß zu messen. Wer am lautesten schreit wird gehört und das wird gemacht. Das finde ich nicht konsequent, zumal es hier um den Umsatz der Entwickler geht, die nicht mal befragt oder deren Stellungnahme nicht erwünscht war.

    Der ganze Zulassungsprozess ist ein schwieriges Feld, wo sicherlich noch lange Diskussionen stattfinden werden. Ich persönlich weine den Erotik-Apps keine Träne nach, aber wer solche Apps haben möchte, sollte sie auch bekommen. Wenn mit den Apps kein Geld zu verdienen wäre, hätte es nicht 5000 Apps gegeben, die nun wegen erotischem Inhalt gesperrt worden sind.

  • http://markus.birth-online.de/ Markus Birth

    Wenn das jetzt die Vorstufe zum Zusammenwürfeln der vielen regionalen AppStores sein soll, bin ich damit mehr als zufrieden. Mich stört es ziemlich, dass man im US-AppStore Software bekommt, die es hier nicht gibt.

    Allerdings glaube ich auch, dass das wieder mal nur ein Auswuchs der idiotischen Moralvorstellungen der USA ist. Waffen, das Abschlachten von Menschen ist alles okay …. aber wehe, man sieht etwas zuviel Haut.

    Ich bin ja der Meinung, eine Alterseinstufung allein reicht völlig. Allerdings sollten die Apps im Shop dann auch danach gefiltert werden und das nicht erst beim Versuch, eine 17+-App zu kaufen. Und für das Setzen der Stufe (per Code geschützt) sind die Eltern zuständig – das kann nicht Sache von Apple sein.

    Wenn mein Vertrag ausläuft, werde ich mir gut überlegen, ob ich beim iPhone bleibe oder doch zu Android wechsle. Ich glaube, dort gibt es (noch?) nicht solche Probleme…

  • http://twitter.com/iMichi Michael Tzschoppe

    Zeit, einfach mal wieder Danke zu sagen – toller Artikel!!!

  • http://twitter.com/CatfreakFabian Fabian

    Sehr schöner Artikel! Der AppStore ist einfach kaputt. Man sollte jede App zulassen, die nicht Malware ist und die Eltern in einer Werbekampagne über die Kindersicherung in iTunes und den iPhone OS Devices aufklären. Dann hätten die Erwachsenen ihre herbeigewünschten Porn Apps und die Eltern keinen Grund sich Sorgen zu machen.

  • Sebastian

    Ich habe im Prinzip Verständnis für Apples Entscheidung, bzw. akzeptiere, dass sie Entscheidungen treffen die Ihre Plattform angeht. Und als Nutzer kann ich auch gut und gerne auf billige Bikini-Apps verzichten.
    ABER:
    Als Entwickler der just Ende der letzten Woche eine App für einen Kunden fertig gestellt hat, die höchst wahrscheinlich nun nicht durch den Reviewprozess kommt (wir haben noch keine Ablehnung erhalten, aber ich rechne minütlich damit) sieht die Sache schon bedeutend anders aus. Hätte Apple dieses Vorgehen im Vorfeld angekündigt, hätte ich die letzten Wochen nicht Zeit und Geld verschwendet. Auch und gerade in Hinblick auf auf komplexere iPad-Apps braucht man einfach Planungssicherheit. Es ist mir unbegreiflich, mit welcher Leichtfertigkeit sich Apple das Wohlwollen der Entwicklergemeinde verspielt.

    Darüber hinaus wird der Fall meines Kunden wahrscheinlich exemplarisch für die Problematik, die sich mit den Äußerungen Phil Schillers auftut. Die Aussage ist die: 'Playboy' und 'Sports Illustrated' dürfen bleiben, weil es sich hierbei um bekannte Firmen und um akzeptierte Formate handelt.

    Das Projekt meines Kunden ist erstens ein etabliertes und halbwegs bekanntes Kunstprojekt, zweitens die Intention des Projektes hat überhaupt gar nichts mit Erotik zu tun, obwohl Haut zu sehen seien wird/würde.
    Ich maße mir nicht an darüber zu entscheiden, wie künstlerisch wertvoll die ganze Sache ist, oder ob meine Kunde eine große Nummer ist. Apple tut dies nun allerdings sehr wohl. Und diese Tatsache halte ich für schlicht inakzeptabel!

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