von Alex Olma
11. Februar 2013 – 14:56 Uhr

Mailbox, oder wie ich lernte, den Hype zu lieben

Seit Donnerstag teste ich Mailbox (kostenlos; App-Store-Link) – die App mit der Warteschlange.

Der Hype war im Vorfeld perfekt aufgeschaukelt, das Review-Embargo zum Download-Start durchexerziert (1, 2 oder 3) und die Wartemarken, die die Anwendung gegen eine Registrierung herausrückt, sind das finale Puzzlestück der Inszenierung. Damit gehörte das vergangene Wochenende einer iPhone-Email-Anwendung für Gmail-Kunden.

Grundsätzlich verwundert das jedoch nicht: Sparrow erzeugte ein ähnlich großes Aufsehen. Die Gründe ähneln: Dem App Store mangelt es an guten E-Mail-Apps. Hinzu kommt, iOS lässt weiterhin nicht zu, Standard-Anwendung festzulegen. Alleine dieser Umstand treibt Nutzer mit rebellischem Gemüt zu anderen Programmen. Gleichgültig, dass für ein bisschen Push-Action alle E-Mails über die Server des Start-ups getrieben werden. Ein ‘Privacy Problem‘? Mit Blick auf die Warteschlange scheint dem nicht so.

IPhoneBlog de Mailbox Warteliste

Ich habe zwei klare Probleme mit der Anwendung – einmal technisch, einmal politisch.

  • Mailbox geht von der Annahme aus, das ich die Kontrolle über mein Posteingang verloren habe. Es setzt auf Zuordnung, Kategorisierung und Erinnerungen. Mails lassen sich beispielsweise ausblenden und erscheinen nach einigen Stunden erneut in der Inbox. Klingt nicht dumm, aber so arbeite ich nicht. Öffne ich Mail, beantworte oder lösche ich Nachrichten. Nur in ganz ausgewählten (hartnäckigen) Fällen leite ich elektronische Post an meine ToDo-Liste in OmniFocus weiter.
  • Keine App setzt deutlichere Zeichen für eine freundliche Übernahme. Sparrow verlangte für sein Produkt Geld; Mailbox skaliert ausschließlich über Accounts. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren wenn IMAP-Postfächer im nächsten Update als In-App-Kauf angeboten werden. Solange jedoch die Prioritäten so eindeutig in Richtung Aufkauf ausfallen und völlig offen ist, wie Orchestra Geld verdienen möchte, ist das für mich als Kunden nicht sehr reizvoll.

Mailbox könnte sich die benötigten Server-Ressourcen für den derzeitigen Ansturm mit Leichtigkeit erkaufen wenn sie für ihre Anwendung Geld verlangen würden. Tun sie aber nicht. Das ist eine klare Aussage.

IPhoneBlog de Mailbox

Trotzdem ist zu betonen: Mailbox sieht wundervoll aus und stellt clevere Gesten bereit, die insgesamt den Umgang mit Emails freundlicher gestalten. Das ist viel Wert. Auch deshalb, weil es (wie bereits betont) eine Unterversorgung von mobilen iOS-Mail-Clients gibt. Zugegeben: Mit Unterstützung von anderen Email-Anbietern würde ich die Anwendung als meinen (Standard-)Mail-Client ausprobieren (Google-Apps-Konten lassen sich nur über ihre primäre Domain eintragen).

Zu wünschen ist dem Team, dass sie den richtigen Spannungsbogen finden, um den inszenierten Start-Hype rund um die Wartenummern, erfolgreich in aktive Nutzer zu konvertieren. Weil: Wann ist der Zeitpunkt erreicht, wenn Leute die App löschen weil sie sich innerhalb von drei Tagen nur um 200.000 Position ‘nach vorne’ bewegt haben?

Wer nach einem Gefühl für diese Gratwanderung sucht, die das Start-up gerade durchmacht, schaut in die App-Store-Rezensionen (Spoiler: aktuelle Durchschnittswertung weltweit: 2.5 Sterne).

  • http://twitter.com/elcombato oʇɐqɯoɔlǝ

    Ich hab’s für mich mal mit linearer Regression prognostiziert. So spar ich mir den regelmäßigen Blick in die App. http://d.pr/i/Q4dK

  • http://twitter.com/ununun un³

    Sehr guter Artikel, nur eine kleine Korrektur: Es heißt Gratwanderung

    • http://www.iphoneblog.de/ iphoneblog

      Danke. Ist korrigiert.

      • fogspider365

        @iphoneblog @alex Alex ist Schuld weil das Zeug nicht auf iOS 5 läuft -.-

  • Patrick Wurster

    Kann das sein, ist Mailbox nicht “sogar” von einem österreichischen Team?

  • http://twitter.com/ManfredAlbrecht MrAlbrecht

    Nachdem zu den glücklichen mit einer niedrigen Wartenummer zählte 55.xxx konnte ich mir nun endlich heute Vormittag auch ein Bild von der App machen.

    Das Design schon und durchdacht, bis auf Kontaktfotos (wie bei Sparrow) ist das Ganze auch gut gelungen optisch als auch programmier technisch.

    Der Push Service ist das was Sparrow fehlte und leider nicht mehr kam.

    Aber wie Alex oben schreibt, “so arbeite ich nicht” dem muss ich zu 100% beiplfichten.

    Lesen, Antworten, Archivieren, Löschen …

    Die Idee aus Mails direkt einen Reminder zu generieren finde ich super leider nur auf Zeit begrenzt, ortsbezogene wären hier noch das i-Tüpfelchen.

    Nachdem GMail bei mir nur als Müllpostfach dient, für alles was eine Registierung benötigt dem man aber seine geliebte Mailadresse nicht direkt anvertrauen möchte, kann ich die Task und Wiedervorlage Funktion nur bedingt testen.

    Sicherheitsbedenken sind meinerseits nicht vorhanden, Aufgrund von Nutzung eines Müllpostfach und nach kurzem Überflug der Privacy Terms auf deren Webseite.

    Wie das Ding jemals Geld generieren soll ist fraglich, In-App kauf für IMAP Anbindung und iCloud? Verkauf der Software an Google, Apple,…?

    Um dieses Task Dings zu nutzen benötige ich für meinen Teil noch zusätzlich eine iPad und Mac App, die ebenfalls damit arbeiten sonst ergibt das leider nur wenig Sinn für mich, da exakt das die Hauptgeräte sind mit denen ich Mails bearbeite.

    Der Hype ist noch etwas da, wird aber derzeit eher durch massiv verärgerte Warteschlangen User ersetzt, den das was man nach der Wartezeit ist dann leider auch nicht so ganz der Weißheit letzter Schluss.

    Ein ähnliches Modell (ohne Wartezeit) war ja damals ja Clear, guter Ideenansatz einer Task App nur leider ohne Tiefe und Remindern, was die App dann zum bunten Spielzeug verkommen lässt was man nach ein paar Tagen wieder vom Gerät löscht weil es langweilt und sich nicht für die Zwecke eignet für die man es eigentlich angeschafft hatte.

    Mailbox ist gut keine Frage und kostenlos, aber ich hoffe das hier noch etwas mehr kommt… sonst wars für die Tonne wie bei Clear.

    mfg

  • bloghandy

    Ich hab die App wieder deinstalliert. Mal ehrlich, ich warte doch nicht rund 450’000 Plätze ab, um dann endlich mal die App nutzen zu können. Wann wäre das dann, Ende des Jahres? Ne Danke und weg mit der App. Die Apple Email App oder GMail tun es auch und reichte mir bisher vollkommen aus.

  • http://www.appleoutsider.de/ AppleOutsider.de – Sebastian P

    Hehe dann bin ich ja echt 80.000 Plätze vor Dir :-)

    Die Bewertungen im Appstore sind natürlich desaströs. Die Leute sind knallsauer und machen es über die Bewertung klar – kaum einer erinnert sich, dass vor Jahren für GMail auch eine Einladung gebraucht wurde. Von daher ist das hier nichts Neues. Aber passiv-aggressive 1-Stern-Bewertungen sind ja nichts Neues :-)

    Ich halte nichts von der Philosophie “inbox zero”. Was wichtig ist, wird bearbeitet, was unwichtig ist kann man einfach in der inbox lassen – es läuft nach 20 neuen Mails eh nach unten raus.

    Was die Leute nicht ab können ist der Zähler “ungelesene Mails”. Der wird mit Hilfe von mailbox auf Null gebracht und sorgt für diese Gefühl der Beruhigung.

    Ein anderer Blickwinkel ist das Problem von Leuten, die generell das Bedürfnis haben, alles wegarbeiten zu wollen – ich mache das im Moment mit Twitter. Ich lese ALLE Tweets und stelle fest dass ich seitdem RSS keines Blickes mehr würdige – vorher habe ich ALLE Nachrichten von “The Verge” gelesen, mittlerweile produziert die Seite aber so viele Einträge, dass ich gar nicht mehr nachkomme. Der Zeitaufwand für Twitter ist aber genau so hoch wie für RSS vorher. Ich verbringe jede wache Minute damit, Tweets abzuklappern und die verlinkten Artikel zu lesen – als Folge habe ich aber meines Wissens nach nichts Wichtiges verpasst – dass ich vor Dir in der Warteschlange bin und generell fast alle Einträge von Gruber drei Tage vorher schon kannte weil er sie erst nachträglich verlinkt ist ein lustiger Nebeneffekt.

    Mailbox sorgt hier dafür, den Leuten Zeit zurück zu geben, indem ihnen die Möglichkeit gegeben wird, das GEFÜHL zu haben, dass sie ja später wieder zu den Mails zurück kehren werden. Anstatt Stunden mit Mails (Tweets) zu verschwenden und alles zu lesen, wird einfach “Read Later” gedrückt und gesagt “Mach ich später”. Anstatt Zeit zu rauben bekommt der User die Zeit “zurück”. Im Endeffekt aber bekommt er so das prokrastinieren antrainiert. Es ist der absolut gleiche Ansatz wie “Instapaper”. Abertausende Artikel die man irgendwann lesen will türmen sich auf. Der Unterschied? Es gibt keinen Badge “ungelesene Artikel” an Instapaper – und mailbox sorgt im Prinzip nur dafür, dass der Badge verschwindet.

    Deshalb von mir der Pro-Tip: Einstellungen aufrufen, Badge an Mail.App oder der Gmail ab ausstellen.

    Fertig.

  • BodenseeApple

    Hi Alex,

    wie kann ich den der Mailbox-App das Recht wieder entziehen, auf mein Google-Konto zuzugreifen? Reicht da das einfache Löschen der App? Nicht das die jetzt bis ans Ende aller Tage meine Emails bekommen :-O

    Danke und Gruß vom See

    Mirko

    • http://www.iphoneblog.de/ iphoneblog

      Mail-Konto innerhalb von Mailbox löschen. Außerdem kannst du der App noch die Rechte im Google-Konto entziehen.

  • Pingback: Dropbox kauft Mailbox – iPhoneBlog.de()

  • torstend

    Nachdem nun Mailbox von dropbox gekauft wurde dürfte sich deine Spekulation zum Geschäftsmodell wohl bestätigt haben. https://blog.dropbox.com/2013/03/welcome-mailbox/

  • Pingback: All-You-Can-Filter: Hipstamatic Oggl – iPhoneBlog.de()

  • Pingback: Dropbox lässt Mailbox wachsen – iPhoneBlog.de()

  • Pingback: Mailbox 2.0: Sync + Auto-swipe – iPhoneBlog.de()

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