Analysten-Shootout für Q1/2012

Philip Elmer-Dewitt verglich (wie gewohnt) den Erfolg der Analysten-Prognosen für Apples aktuelle Quartalszahlen. Nachdem die ‘Amateure, Blogger und individuellen Investoren’ im vorletzten Jahresviertel überraschend gegen die ‘Pros’ unterlagen, dreht sich für Q1/2012 der Kompass zurück auf den bekannten Erfolgskurs.
Wer noch Zeit (und Laune) auf eine einzige Quartalszahlen-Bilanz hat, unterhält sich mit “Apple’s Massive Numbers And Some Context“.
In other words, Walmart has more than double the revenues of Apple, but Apple has more than four times the profits of Walmart. […] Microsoft’s most recent quarter saw record revenue of $20.9 billion. Again, Apple came in at $46.33 billion. […] The iTunes Store alone generated 50 percent more revenue than all of Yahoo did last quarter […] Apple’s profit last quarter was $3 billion more than all of Hollywood’s gross box office receipts for all of last year.
“I Want a Glass Screen”

Als Steve Jobs am 09. Januar 2007 zum allerersten Mal das iPhone präsentierte, verlor er kein Wort über das Material des Telefon-Bildschirms. Im Juni 2007, elf Tage vor dem US-Produktstart, vermerkte eine Apple Pressemitteilung:
Apple also announced that the entire top surface of iPhone, including its stunning 3.5-inch display, has been upgraded from plastic to optical-quality glass to achieve a superior level of scratch resistance and optical clarity.
Die New York Times erzählte am vergangenen Wochenende in ihrem exzellenten Artikel “How the U.S. Lost Out on iPhone Work” anekdotisch die Geschichte dieses “Upgrades“.
In 2007, a little over a month before the iPhone was scheduled to appear in stores, Mr. Jobs beckoned a handful of lieutenants into an office. For weeks, he had been carrying a prototype of the device in his pocket.
Mr. Jobs angrily held up his iPhone, angling it so everyone could see the dozens of tiny scratches marring its plastic screen, according to someone who attended the meeting. He then pulled his keys from his jeans.
People will carry this phone in their pocket, he said. People also carry their keys in their pocket. “I won’t sell a product that gets scratched,” he said tensely. The only solution was using unscratchable glass instead. “I want a glass screen, and I want it perfect in six weeks.”
Bildungsoffensive: Apple krempelt um, was umgekrempelt gehört.
Apple knöpft sich unmotivierte Schüler vor und springt der nächsten Industrie in den Nacken. Bildungsverlegern, ja – aber auch du bist gemeint Adobe!
Some people not seeing forest for the trees. There has been no good ebook creation app up to now. Now there is one. Perhaps we’ll see more?
— Jason Snell (@jsnell) January 19, 2012
Das Augenmerk liegt jedoch nicht auf der technischen Umsetzung. Schöne Bücher produziert auch Inkling oder Push Pop Press. Mike Matas, ehemaliger Apple Designer mit Firmenverkauf an Facebook, zeigte sich kurz nach der Vorstellung angefressen.
Even though I no longer work for Apple apparently I’m still designing some of their products. pushpoppress.com ➜ apple.com/education
— Mike Matas (@mike_matas) January 19, 2012
Aber wie erwähnt: die Technik ist nicht bedeutsam sondern reißt ‘lediglich’ Zugangsbarrieren ein (“iBooks Author is the iPad SDK for writers and publishers. And it’s been simplified so it’s as easy to use as a word processor.“). Neu ist: Apple bettet Bücher, neben Apps und Musik, in ein Ökosystem. Die Entscheidung, dabei bestehende Verlagshäuser mit ins Boot zu holen, erinnert an die kräftezehrende Revolution der Musikindustrie. Die großen Plattenfirmen wurden zum eigenen Überleben gezwungen; das große Zetern und Nörgeln des Verlagswesens für Schulbücher hat daher noch nicht einmal begonnen.
Gegenwind gab’s diesmal allerdings schon aus anderer Richtung: Autoren beschweren sich über die Vertriebsrechte und das Apple mit seiner ersten Software-Version von iBooks Author keine plattformübergreifende (ePub-)Lösung anbietet, bei der Bücher auch gleichzeitig in Konkurrenzhäuser eingestellt werden können.
You may distribute books created in iBooks Author free of charge on your own website. If you wish to sell your book, you must do so through the iBookstore.
Die Diskussion über den Lizenzvertrag erzürnt sich hier und hier – zurecht, wie ich finde. Insbesondere weil’s so aussieht, als ob Apple sich an der 30-Prozent-Beteiligung labt. Aber ernsthaft: Wo liegt der Anreiz, Autoren zu (properitären) ‘Plain-Text’-Kindle-Büchern zu animieren? iBooks Author verfolgt einen Ansatz, der viel audiovisueller ausfällt und dem iPad angemessen ist.
Um’s auf den Punkt zu bringen: Der EULA gehört geändert, beziehungsweise in ein verständliches Regelwerk umgeschrieben. Von Apple allerdings eine Gratis-Allzweckwaffe zur Bucherstellung zu erwarten, ist (vorsichtig ausgedrückt) überzogen.
Works created in the iTunes Author app can only be sold through Apple. Any other distribution channels have to offer the book for free.
— Shawn Blanc (@shawnblanc) Januar 19, 2012
Offene Fragen gibt es viele. Wie kommen beispielsweise die iPads in Schulen? Wer erstellt die (internationale) Bildungsliteratur? Wann geschieht dies und wie konform ist das Material mit dem (vorgeschriebenen) Lehrplan? Sind die Preise festgesetzt und sind auch erweiterte Auflagen kostenlos?
Selbst mit Antworten auf diese Fragen dauert es noch Jahre, bis sich die etablierten Systeme ändert. Niemand außer Apple scheint jedoch fähig oder willig, diese notwendige Revolution anzustoßen – auch hier passt der Vergleich zur Musikindustrie. Es erstaunt, das einigen (Presse-)Beobachter die Signifikanz der Ankündigung nicht einleuchtet. Denkt ernsthaft jemand, das unsere Kinder auch 2020 noch in Papier-Schulbücher schauen?
The current generation of students spends far more time looking at screens than at books. And that’s not making them dumber . . . it’s making them smarter. If most kids are naturally drawn towards screens, isn’t it about time for textbooks to catch up?
Apples heutiges Event im Video zum Nachschauen
Die heutige Veranstaltung aus dem Guggenheim Museum erschien soeben als Video-Stream. Der alternative Download findet sich wie gewohnt im iTunes-Podcast-Feed.
(Danke, Sören!)
‘iTunes U’ – raus aus der iTunes-Einsamkeit

Apple erklärt iTunes U hier. Trotz 700 Millionen Downloads scheint dies notwendig. Im ersten Anlauf ist die iPhone- und iPad-App (kostenlos; universal; Link) eine mahagonihölzerne Verpackung um ein vier Jahre altes Bildungsangebot. Inwieweit Lehrkräfte in Zukunft den Video-Katalog mit neuen Inhalten füllen und zusätzlich Verknüpfungen zu weiterführendem Kursmaterial einstellen, bleibt abzuwarten. Apple spricht zum aktuellen Zeitpunkt von 500.000 verfügbaren Gratis-Vorlesungen in insgesamt 26 Ländern.
Der Schritt in die Öffentlichkeit, raus aus der unbeachteten iTunes-Ecke, ist zu befürworten. Potenzial und hohe Erwartungen, sich als digitale Schnittstelle zwischen Lehrer und Schüler zu klemmen, sind vorhanden. Im Moment ist iTunes U – abgesehen von einigen Ausnahmen (Link) – jedoch nur ein besser präsentiertes (Video-)Archiv.
Insbesondere Universitäten gilt es (als Student) anzuspornen, Druck auf ihre Dozenten auszuüben, damit dessen Unterrichtskurse hier abzurufen sind – Gratis-PR gibt’s für alle Beteiligten kostenlos obendrauf.
Apples Edu-Event: Multi-Touch-Bücher, iBooks Author und iTunes U

Apple kündigt mit iBooks 2 (kostenlos; universal; App Store-Link), iBooks Author (kostenlos; MAS-Link) und iTunes U (kostenlos; universal; App Store-Link) am heutigen Donnerstag drei Apps an, die das Verlags- und Bildungswesen aufrütteln (sollen).
Apples Ambitionen im Lehrbuch-Business
Am 19. Januar in New York geht’s bei Apple um “Bildung” – das erwähnt die Einladung, dessen Ankündigung in Kreide auf einer Schreibtafel abgebildet ist, explizit. Dass die Gerüchte um Schulbücher nicht komplett abwegig sind, unterstreichen Dan Benjamin und John Gruber mit dem Verweis auf die Steve Jobs’ Biographie.
In fact Jobs had his sights set on textbooks as the next business he wanted to transform. He believed it was an $8 billion a year industry ripe for digital destruction. […] His idea was to hire great textbook writers to create digital versions, and make them a feature of the iPad. In addition, he held meetings with the major publishers, such as Pearson Education, about partnering with Apple. “The process by which states certify textbooks is corrupt,” he said. “But if we can make the textbooks free, and they come with the iPad, then they don’t have to be certified.
Egal, ob sich daraus anfangs nur geringe Relevanz für nicht-englischsprachige Bildungssysteme erkennen lässt: Richtig aufgezogen, habe ich wenig Zweifel an einem Erfolg von ‘iPad-Lehrbüchern’. Nicht (nur) weil Apple mitmischt, sondern weil die aktuelle Leih- und Kauf-Kultur zu kostspielig, kompliziert, unfair sowie unpraktisch ist.



