von Alex Olma
7. Juni 2010 – 11:22 Uhr

Gefangen zwischen Leistungsschutzrecht und Zensurdebatte

Das Gejammer der deutschen Verlagshäuser nimmt mittlerweile Dimensionen an, die (mich) nur noch nerven. Ich habe gerade ein paar Minuten damit verbracht, eine elegantere Beschreibung zu finden, bin jedoch immer wieder zurück auf die simple Wortwahl ‘nervend’ gestolpert.

Das “Leistungsschutzrecht“, die “Hamburger Erklärung” und eine vom Zaum gebrochene Diskussion um “iPad-Pressefreiheit” sind durch ihre unzähligen Wiederholungen nicht mehr ernst zu nehmen. In der letzten Woche forderte der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger:

Zeitschriften brauchen auch auf dem iPad Pressefreiheit und wollen sich nicht auf die Rolle von Inhaltelieferanten reduzieren lassen.

Wie die Überschrift zeigt, bleibt jedoch nicht verborgen, worum es eigentlich geht:

Verband Deutscher Zeitschriftenverleger.jpg

Und genau diese Verquickung von dem guten Argument der Pressefreiheit auf der einen Seite, und dem gierigen Finanzgebaren auf der anderen Seite, ist es das, was (mich) ‘nervt’.

Ohne Frage: Das was der US-Konzern Apple mit dem App-Store-Regulierungsprozess anstellt, ist fernab eines Idealzustands. Soviel hat jeder bereits hinlänglich verstanden. Doch was tut die hiesige Printlandschaft um dem entgegenzuwirken?

Nein, das ist als durchaus ernsthafte Frage zu verstehen. Außer einem ständigen Gezeter, welcher in Zeiten vom iPad-Hype und den Spekulationen um ein neues iPhone sicherlich nicht ganz ungünstig platziert ist, sehe ich keinerlei eigenständige Entwicklung. Beinahe schizophren feiert man den App Store als Heilsbringer des Zeitungswesens und prügelt zur gleichen Zeit gegen ‘hohe Umsatzbeteiligung’ und ‘nicht zugängliche Nutzerdaten’.

Die Frage steht daher im Raum: “Was macht ihr eigentlich?” Die Debatte um das Leistungsschutzrecht ist doch nur ein simpler Subventionierungsversuch.

Die Zeitungsverleger stellen ihre Produkte freiwillig kostenlos ins Netz, weil sie nicht glauben, dass die Leser bereit sind, dafür Geld zu zahlen, kassieren sie aber über den Umweg eines Leistungsschutzrechtes dann trotzdem dafür ab.

via stefan-niggemeier.de

Ein sehr schönes Beispiel ist die Berichterstattung über Facebook und deren Datenschutz-Debatte. Es ist ziemlich einfach, einen 26-jährigen Firmengründer mit unglücklichem Interview durch den Kakao zu ziehen. “Zuckerberg schwitzt auf heißem Stuhl” oder “Internet-Milliardär: Facebook-Gründer Zuckerberg wird immer reicher“.

-> D8 Video: Under Mark Zuckerberg’s Hoodie

Ungebremst Geld schaufelt sein Unternehmen trotzdem. Achtung Überraschung: Und das schafft Facebook sogar ohne große Mithilfe ihrer App-Store-Anwendung. Diese ist zwar populär auf mobilen Endgeräten, bietet (ohne Reklame) jedoch keinen großen Mehrwert und wartet seit Ewigkeiten auf eine Aktualisierung. Eine iPad-Umsetzung gibt es bislang noch überhaupt nicht. Das soziale Netzwerk stellt seine Informationen über eine triviale Webseite den Besuchern komfortabel zur Verfügung.

Wenn wir zur Abwechslung einmal ehrlich sind, bieten die derzeitigen App-Store-Programme deutscher Verleger für dessen Nachrichtenblätter nur einen zusätzlichen Vertriebskanal. Ein Zusatznuten des digitalen Abos ist hier oft nur an den Haaren herbeidiskutiert.

Eine Umsetzungen in gleicher Qualität ließe sich in vielen Fällen auch über neue Techniken im Webbrowser realisieren. Ein ‘Mehrwert’ kostet jedoch Geld, und das scheint man derzeit nicht bereit zu sein auszugeben.

Geiz ist geil, meckern geht trotzdem?

Von einer unabhängigen Presse erwarte ich, dass diese zumindest versucht auf eigenen Beinen zu stehen. Wie kann es sein, dass die Verlagshäuser finanzielle und innovative Aufwendungen scheuen, nicht einmal daran versuchen mitzuwirken, sondern sich hilflos in die Abhängigkeit eines einzelnen Anbieters begeben.

Chris Anderson.jpg

Über eine Web-Anwendung lassen sich, auch auf Apple-Telefonen, problemlos “hüllenlose Schlagzeilen” titeln oder was sonst als Qualitätsjournalismus gefeiert wird.

Die Realität ist anders. Bislang scheinen keine Antwort gefunden zu sein, wie sich Inhalte im Netz verkaufen lassen. Selbstzensur und untertäniger Gehorsam sind der leichte (Aus-)Weg?

Apple ist das “Seite-1-Girl” der Bildzeitung zwar mittlerweile egal, zuvor hatte der Axel Springer Verlag aus eigenem Ansporn niedliche Sternchen über die monierten Körperteile verteilt. Bloß den US-Konzern nicht verärgern…

Die inhaltliche Einflussname von Apple ist ein Verstoß gegen die Presse- und Meinungsfreiheit, den wir so nicht hinnehmen können“, zitiert der Spiegel Nikolas Hill vom Hamburgs Staatsrat für Medien.

Dann tut dies nicht! Schafft andere Angebote. Seit Samstag beschäftigen sich die Rundfunkreferenten der Bundesländer damit, ob Apple verpflichtet werden kann, Inhalte in sein Angebot aufzunehmen (Spiegel: “Deutsche Rundfunkpolitik will Apple zähmen“).

Die Chancen dafür kann sich jeder Halbwüchsige mit klarem Verstand selbst ausrechnen. Macht was Eigenes, über das ihr Kontrolle habt, die kompletten Umsätze einfahrt und die registrierten Nutzerdaten ‘weiterverarbeiten’ könnt.

Ein Anfang: Eine iPhone OS-freundliche Webseite, die nicht nervt!

  • http://twitter.com/baew bastian

    Danke!

  • Jay

    Die ausgetrampelten Betriebswege in Verbindung mit ausgesprudelten Geldquellen verleiten die Verleger leider dazu ihre Inhalte einfach ins Netz zu kotzen, ohne sich Gedanken darüber zu machen ob diese auch einen wirklichen Mehrwert darstellen. Anstatt darüber nachzudenken, wie man beispielsweise einen Spiegel ordentlich online verfügbar machen kann, wettert man lieber gegen die App Store Politik von Apple. Hier wird der Zwiespalt in dem Artikel gut unterstrichen. Auf der einen Seite will man die dicke App Store-Kuh melken, auf der anderen Seite sind einem die auferlegten Regeln zu wider. Hier hilft dann nur die Anschaffung einer eigenen Kuh.

  • http://twitter.com/einerblog Rasmus

    Guter Beitrag, schöne Argumentationslinie, gespickt mit passenden Beispielen und Beiträgen. Danke!

  • http://twitter.com/billykid3583 billykid3583

    Schöner Beitrag!!

  • Zauberertz

    Trift den Punkt!

  • Onkeltommy

    Treffender hätte man das alles wohl kaum formulieren können! Toller Artikel!

  • http://knipsograf-fotografie.de Eric

    Sehr treffend formuliert, mehr davon.

  • http://twitter.com/FabianQnz Fabian

    So ein toller langer Artikel und das noch vor 12 Uhr Mittag. An deinem Fleiß können sich die Verlagsfuzies mal was abgucken.
    Bin ganz deiner Meinung, denn Zeitungen sind weder kreativ bei der Umsetzung, noch zeigen sie guten Willen bei ihren Onlineauftritten.
    Berichterstattungen “über” das Netz erfolgen meist hochnäßig und ausgrenzend.
    Man hat den Eindruck die Zeitungen wollen gar nicht im Internet vertreten sein. Weil der Konkurrenzverlag vor 10 Jahren aber damit angefangen hat musste man da mitmachen um nicht uncool zu sein.

    Mein Vorschlag an die Zeitungen geht mit Alex konform:

    Entweder ihr geht sterben, weil ihr euch auf veraltete News auf toten Bäumen konzentriert,
    oder ihr rafft euch zusammen bietet interessante Artikel in angepassten Layouts, so dass man euch gerne flattrn würde.

  • cV21

    Ergänzend möchte ich hinzufügen, schafft endlich Websites die für mobile Endgeräte komfortabler lesbar sind, bzw schafft endlich überhaupt mal gut designte Websites mit UI auf dem Stand von 2010 !!!

  • Faris

    Wow, da war alles drin. Vielen Dank Alex.

  • http://twitter.com/Nico79 Nico

    Sehr schöner Artikel!

    Ich hoffe ja immer noch auf das “Die-Zeit-heilt-alle-Wunden”-Prinzip:

    Irgendwann sitzen in den Redaktionen (hoffentlich) Leute, die die neuen Techniken verstehen – und nicht nur rumheulen und sich an ihren veralteten Geschäftsmodelle festkrallen.
    Solange die Leute einfach nur vom neuesten heißen Scheiß profitieren möchten, ohne sich damit (profund) zu beschäftigen, klappt es einfach nicht.

  • Ruesseltier

    200% Zustimmung!

  • Chris

    Klasse Artikel. Volle Zustimmung.

  • franker69

    Danke ! Echt klasse Artikel.
    Sie werden nur wieder den Fehler machen und auf die Aussagen der Leute, die das Medium Internet verstehen, nicht hören. “Dieses ganze Blogs- und Podcast Gedöns kann man ja nicht ernst nehmen.” Sie werden an ihrer eigen Arroganz scheitern.

  • http://twitter.com/STCB STCB

    Kurz und schmerzlos: Danke (flattred)

  • http://twitter.com/merlinmagican Merlin Blom

    Vielen Dank, dass das Web in diesem Blog auch nicht vergessen wird. Man braucht als Zeitung keine iphone oder iPad App!

  • http://twitter.com/merlinmagican Merlin Blom

    Vielen Dank, dass das Web als Alternative zum App Store auch mal wieder Gehör findet

  • Sebastian

    Apple kommt mir vor wie eine Bande Hooligans, die bei der Mitgliederversammlung des hiesigen Fußballvereins ans Mikrofon gelassen werden möchten…

  • ufo95

    Super Artikel, mehr davon. Bin gespannt wie die gezwungene Appeinreichungsgesetz aus geht, dabei haben sie nicht mal versucht ne App einzureichen.

  • Mailinator

    Bei aller berechtigter Kritik an den Verlagen, ist auch Apple schuld an der Misere. Der Grundsatz “wenn Apple euch nicht in den App Store lässt dann schafft euch eine Hintertür” kann nicht gelten. Der App Store ist DAS Zugangsportal für iOS-Geräte. Web-Apps werden einfach nicht so leicht entdeckt. Im Store aber stöbert jeder.
    Dass Apple auch politische Karikaturen sehr gerne zensiert (eine Cartoon-Sammlung über Tiger Woods fehlt bis heute), lässt Du unter den Tisch fallen und bezeichnest Nackedeis als das was den Verlegern fehle. Das ist schlicht falsch.

    Bevor ich Geld in die Hand nehme um innovative und teure Anwendungen zu erstellen, will ich als Verleger auch Planungssicherheit haben und zwar darüber dass die App so im Store erscheint wie ich mr das gedacht habe und ohne dass Apple Einfluss auf Werbung (kann auch zu sexy sein. und Inhalte nimmt.

    Apples Verhalten blockiert also Innovationen, nicht nur die Verlage. Zudem muss sich erst zeigen ob sich der App Store als Vertriebsweg rechnet. Müsste ich satte 30% meiner knappen Umsätze abgeben, würde ich mich auch nicht anstrengen den digitalen und unrentableren Vertriebsweg zu fördern. Die Kosten für ein Printerzeugnis sind dagegen ein Witz.

  • Mailinator

    Den Spiegel gibt es seit Jahren als PDF-Ausgabe im Web.

  • Fuck

    Entschuldige mal, aber genau diese Art zu argumentieren zwingt die Nutzer doch gerade dazu untätig zu bleiben. Diese verdammte Anspruchshaltung gegenüber den Produzenten bzw. Obrigkeiten! Apple ist nicht schuld. Die Käufer und Nutzer sind schuld! Ihre “Ehrerbiertung” gegenüber Style, Steve Jobs und dem Hype.
    Und wieso blockiert Apple Innovationen? Bullshit! Nenn mir nur eine. Die Welt liegt in der Hand der Nutzer und der Entwickler. Wer etwas anderes denkt macht sich zum Sklaven eines System und gibt mit dem Hirn auch gleich die Verantwortung über sein eigenes Handeln ab. Das ist schäbig und einem aufgeklärten Menschen nicht würdig. Habt doch mal alle den Arsch in der Hose zu sagen: Weißte Steve, leck mich. Ich tanze nicht mit Dir. Aber nein, die soziale Reputation könnte ja drunter leiden. Oh Mann, lasst mich alle in Ruhe mit Eurer Drohnenmentalität.

  • Sebastian

    Ah da fällt mir auf: es heißt jetzt “iOS” (letzter Satz)

  • Werni

    a) Wer sich eine derart verdongelte Hardware wie ein Apple-Gerät kauft ist selbst schuld.

    b) Der Autor schlägt vollkommen korrekt vor, das als Webseite zu machen. Und – oh Wunder – die wird dann wohl auf allem funktionieren, was einen entsprechenden Browser hat. Das ist auch noch viel günstiger, wenn man nicht für Apple was eigenes entwickeln muss…

  • Mailinator

    Natürlich haben es auch die Nutze in der Hand, nur das Gros bekommt von den Zensurkapriolen gar nichts mit bzw. interessiert sich nicht dafür. Also schön die Klappe halten ist Dein Motto? Das nennst Du aufgeklärt?

    Ja nee ist klar, Apple trifft keine Schuld an der Zensur im eigenen Store.

  • Mailinator

    Natürlich ist das besser, nur wird man bei 99% der Apple-Nutzer kein Interesse wecken können, da diese nur im App Store stöbern. Einige wollen sogar explizit Apps, zudem kann Mobile Safari nicht besonders viel und scheitert schon an Java Script. Von der Geschwindigkeit wollen wir erst gar nicht reden, wenn es sowas wie eine interaktive App sein soll, was Alex immer fordert. Selbst PDF ist nicht machbar. Öffne doch mal ein 100-Seiten-PDF in Mobile Safari und guck was passiert.

  • http://www.iphoneblog.de iphoneblog

    Haha. Ich korrigiere jetzt nicht alle bisherigen 3.000 Artikel noch einmal durch… :)

  • Sebastian

    Aber WARUM denn nicht? ;-)

    Nein Du hast recht war ja 10 Stunden vor der Veranstaltung von daher ist es ja so richtig. Wobei:

    [code]
    UPDATE wp_posts SET post_content =
    replace(post_content, 'iPhone OS', 'iOS');
    [/code]

  • http://vonfernseher.de VonFernSeher

    Die Darstellung der Verleger (durch ihre Blätter) beleidigt meinen Intellekt. Das ist genauso als wenn ich Winter unbedingt Erdbeeren essen wollte und dann im Nachhinein die peruanischen Bauern verantwortlich machen würde, dass die Dinger 10.000 km unterwegs waren und daher jede jetzt ein ganzes Schwimmbecken CO2 am Stiel kleben hat.

    Sie tun mir ja so verdammt nicht leid. Wenn mir die restriktive Prüderie von Apple nicht in den Kram passt, dann boykottiere ich halt den blöden App-Store. Wären die Seiten der großen deutschen Blätter halbwegs vernünftig gesetzt und auf den verschiedenen mobilen Geräte gut zu betrachten (so mit Alternative zum Flash-Diagramm, Bildauflösungen, die dein Smartphone nicht in die Knie zwingen, sauberem Quelltext, …), würden auch die Applejünger mal auf dem Webangebot vorbeischauen.

    Nebenbei soll es auch noch Leute geben (ich kenne mindestens einen), die einfach gute Beiträge lesen/hören/sehen wollen. Und der Beitrag ist ja nicht lesenswerter, wenn er in einer App steckt.

    Alles in allem geht es doch nur um Bequemlichkeit. Den Verlegern fehlt einfach der Mut sich der Gegenwart zu stellen oder gar in die Zukunft zu sehen. Internet essen Gewinne auf.

    Ich kenne Legionen von Schülern und Studierenden, die heute Artikel lesen, reflektieren, kommentieren und weiterverarbeiten, deren Druckausgabe sie nie-nie-niemals gekauf hätten. Jetzt müssen die Silberlocken eigentlich nur noch ihre neue Leserschaft dort abholen, wo sie ist: in der Gegenwart. Aber dafür brauchts halt mehr graue Zellen als Haare.

  • Pingback: Wer nicht schwimmen kann, muss halt übers Wasser gehen. - VonFernSeher()

  • http://twitter.com/AnHerkommer Andreas Herkommer

    Steve Job schleimt sich bei Print ein. Warum bloß? > http://bit.ly/cdw1Kn

  • FOX

    Der Artikel hat es ins “Bildblog” geschafft:
    http://www.bildblog.de/19435/weltuntergang-ipho

  • http://www.iphoneblog.de iphoneblog

    Yep. Hatte schon den 'Backlink' gesehen. Freut mich sehr.

  • Pingback: Appspodcast #55 – GMRFWC | Touch-Mania | iPod Touch iPhone Jailbreak News Tutorials()

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