Besteuerte App-Dienste in Apples neuem ‘In-App’-System?

von alex olma | 22. Februar 2011 | 10:54 Uhr

Exakt sieben Tage nach der Apple-Pressemitteilung über ‘In-App’-Abos liegt die erste App-Store-Ablehnung auf dem Tisch. Und das ist weder erfreulich, noch nachvollziehbar. ‘Readability‘, ein Dienst für Webseiten-Formatierung mit Text-Fokus inklusive Autoren-Beteiligung, formuliert aufgrund ihrer App-Store-Zugangsverweigerung (nach §11.2) einen “Offenen Brief an Apple”.

IPhoneBlog de Readability

By including “functionality, or services,” it’s clear that you intend to pursue any subscription-based apps, not merely those of services serving up content. Readability’s model is unique in that 70% of our service fees go directly to writers and publishers. If we implemented In App purchasing, your 30% cut drastically undermines a key premise of how Readability works.

Das Geschrei um den veranschlagten Prozentsatz einer Beteiligung ist mittlerweile nebensächlich. Apple bietet hier eine Werbe- und Distributionsplattform, für die sie nach eigenem Ermessen Gebühren festsetzen können. Wenn sich das Angebot durch die 30-Prozent-Abgabe zukünftig nicht mehr realisieren lässt (beispielsweise durch zu geringe Margen), ist das erstmal ein Problem des Anbieters. Für Apple wird es erst dann problematisch, wenn Qualitäts-Angebote wie beispielsweise Spotify sich aus dem App Store zurückziehen.

Abos, die sich über einen einzelnen Klick innerhalb einer Anwendung abschließen lassen und sich technisch in die Infrastruktur des jeweiligen Anbieters integrieren, gehören besteuert. Als falsch dagegen empfinde ich den Eingriff in eine Drittanbieter-Dienstleistung, die nicht unter ein generelles Verständnis von ‘Publikationen’ fällt. ‘Readability‘ erfüllt, genau wie diverse andere Service-Dienstleister, (für mich) nicht die Voraussetzungen für eine Apple-Steuer von 30-Prozent. Dabei geht es nicht um den Preis sondern um eine generelle Einsicht, dass Apples Hardware-Plattform auch deshalb so interessant ist, weil sie genau jede App-Store-Dienste mitbringt. “Ich kaufe mir ein iPad, um darauf meinen (bereits bestehenden) ‘Readability‘-Zugang zu nutzen‘ sollte als Argument gelten!

Eine Diskussion über genau diese Abgrenzung führten wir letzten Freitag im Podcast. Dabei war die jetzige Ablehnung noch nicht bekannt. Damaliger Kenntnisstand: Während die Pressemitteilung auch “Musik- und Film“-Angebote erwähnte, schlossen die Entwickler-Vereinbarungen bereits ‘außerhäusige’ App-Store-Käufe (über ‘Content’) weitreichend mit ein.

Ich wollte das nicht glauben, beziehungsweise zumindest nicht so interpretieren. Die jetzige ‘Readability‘-Ablehnung wirft diese gut gemeinte Interpretation erstmal über den Haufen. Es muss (meiner Meinung nach) möglich sein, sein bestehendes Netflix-Konto oder seinen bezahlten Dropbox-Account am iPhone oder iPad einzutragen und ohne Probleme zu verwenden. Auch wenn es sich im weitesten Sinne um ein ‘Abonnement’ mit monatlich wechselndem Geldbetrag handelt.

Dazu auch passend Steve Jobs Aussage in der Pressemitteilung:

Our philosophy is simple – when Apple brings a new subscriber to the app, Apple earns a 30 percent share; when the publisher brings an existing or new subscriber to the app, the publisher keeps 100 percent and Apple earns nothing.

Instapaper-Entwickler Marco Arment schlägt in seinem Blog-Beitrag zum Thema in die gleiche Kerbe und fragt nach Apps wie Evernote, Salesforce oder dem Lesezeichendienst Pinboard.in:

There are plenty of paid services, or free services with paid upgrades, that have first- and third-party iOS apps. [...] What’s going to be the rule for third-party apps accessing paid services?

Genau hier erweitert sich das Spektrum an offenen Fragen: Was ist mit Anwendungen, die eine Dropbox-Anbindung bereitstellen oder auf Foto-Gemeinschaften wie Flickr (Pro) zugreifen? Wie lassen sich über ‘In-App’-Verkäufe erworbene Account mit anderen Geräten (Kindle, etc.) oder generell dem Netz verknüpfen, wenn der Nutzer die Daten nicht mit dem Dienstleister teilt? Screenshot-Service ‘TinyGrab’ fragt dies ebenfalls in einem Blog-Beitrag.

We can’t provide a free TinyGrab version in the app store and then sell a version on our site, because you still require an account to login. Apple wants a slice of that pie and we can’t give it to them; in other words they’ve locked us out.

Eine vermeintliche E-Mail von Steve Jobs zeigt nach all diesem Wirrwarr erste Ansätze einer ‘friedlichen’ Lösung. Auf die bereits aufgeworfenen Fragen antwortete er im gewohnt schlichten Stil:

We created subscriptions for publishing apps, not SaaS apps.

‘SaaS’ steht dabei für ‘Software-as-a-Service’ und dürfte Angebote wie Dropbox oder Lesezeichen-Apps ähnlich Pinboard.in von der Apple-Gebührenzentrale ausschließen. Was jedoch genau unter “publishing apps” fällt, bleibt abzuwarten. ‘Readability‘ veröffentlicht keine eigenen Werke sondern bietet einen Bezahl-Zugang für Artikel an und unterscheidet sich daher von ‘klassischen’ Magazin- und Nachrichten-Services. Nach Jobs Aussage könnte die App den Zulassungsprozess passieren. Die erste Ablehnung spricht eine andere Sprache.

Wie fair und transparent sich die zukünftigen Beurteilungen der App-Store-Genehmigungen abbilden lassen, wird sich nur in der Praxis zeigen. Für Entwickler und Anbieter von Inhalten ist das (gewohnt) problematisch (aber nicht neu). Vorerst gilt es jedoch festzuhalten, dass die simple Pressemitteilung, die vollzogene ‘Readability‘-Ablehnung und die einzeilige Steve Jobs Mail keinen für Entwickler und Kunden nachvollziehbaren Beginn dieser neuen ‘Abo-Besteuerung’ darstellt.

Man weiß irgendwie, worauf Apple hinauswill. “Wer die Leser bringt, kassiert die Provision” – das leuchtet ein. Zumindest glaubt man zu wissen, was gemeint ist. Die Anzahl der Grenzfälle und neuen Review-Kriterien scheinen jedoch bereits schon jetzt sehr unübersichtlich.

Spannend wird es daher, wenn die ‘Big Player’ dem App Store ihre Updates vorlegen und aussagekräftige Präzedenzfälle erwirken. Allen voran natürlich Amazons Kindle, das mit perfektem Timing diese neue Werbung lanciert.

DirektKindle

  • http://twitter.com/jonathangauss Jonathan

    Richtig und gut zusammengefasst!
    Als großer Apple Fan hoffe ich, ja wünsche ich mir, dass Apple so richtig fett auf die Nase fällt. Dass alle Big-Player es drauf ankommen lassen und die 30% (wohlgemerkt: für mitgebrachte Kunden!)NICHT bezahlen werden.
    10-15% wäre ja vertretbar, aber so nicht.

    • Anonymous

      0% wären vertretbar. Apple verlangt hier Kohle für 0 Aufwand … einziges Argument: es ist deren Plattform und sie sorgen ja dafür, dass mein Dienst überhaupt Kunden auf iOS hat. Das ist aber für die meisten Dienste – gerade jetzt wo es viele Konkurrenzplattformen gibt auf denen die gleichen Dienste auch existieren – einfach nicht wahr.

      Nunja … man wird sehen, ob das zu Preiserhöhungen führen wird (und man damit dann auch weiß, dass ein auf Android gekauftes Buch eine beinahe perverse Gewinnmarge haben muss) oder wie gut man diese Kauf/Abo-Option in einer App verstecken kann damit Kunden erst gar nicht auf die Idee kommen nicht mehr auf der Webseite selbst für all ihre Geräte einzukaufen …

  • Gast

    Lustig ist ja auch, dass Apple die Technik von Readability selbst in Safari 5 nutzt!

  • Anonymous

    “Für Apple wird es erst dann problematisch, wenn Qualitäts-Angebote wie beispielsweise Spotify sich aus dem App Store zurückziehen.”

    Und damit ist es eben auch ein Apple-Problem. Erste Verleger haben bereits angekündigt Googles Ansatz OnePass zu unterstützen, Kartellbehörden haben sich eingeschaltet, Nutzer und Content-Lieferer sind gleichermaßen brüskiert. Apple hat sich zu weit aus dem Fenster gelehnt. Man hat die Inhalteanbieter vor vollendete Tatsachen gestellt, ohne vorher einen Dialog zu führen. Jetzt kann Apple nicht mehr zurück, muss sein Gesicht wahren. Wer immer das zu verantworten hat, war alles andere als ein kluger Stratege.

    Ja selbst der Alex fürchtet um sein geliebtes Netflix-Abo. Aber so lange dieses noch verfügbar ist, scheint alles im grünen Bereich zu sein.

    Nachtrag: Readability ist nicht das erste Opfer, sondern der Sony Reader.

    • dermattin

      Keine Sorge, da wird gar nix passieren. Jetzt schreien halt einige, weil sie eventuell weniger Geld machen können (genaues weiss man ja noch nicht). Apple bietet DIE lukrative Plattform der Zukunft, da wird jeder von diesen Heuchlern dabei sein wollen.

      • Anonymous

        Das sehe ich nicht so. Die Android-Fraktion wächst rasant und auch Windows Phone würde ich noch nicht abschreiben. Von daher wird iOS an Bedeutung verlieren, der Zenit der Plattform dürfte Mitte des Jahres überschritten sein. Erste echte iPad-Konkurrenten kommen auf den Markt, der erste schon übermorgen. Die Schonfrist für Apple ist damit vorbei.
        Außerdem bietet das digitale Zeitungsgeschäft nicht die Möglichkeit merklich Gewinne einzufahren. Die jetzigen Lösungen im App Store rechnen sich kaum. Erste Ernüchterung hat sich daher schon vor Apples Abo-Gau breit gemacht. Siehe z. B. Wired, siehe Bild.

      • dermattin

        Die können ja wachsen, wie sie wollen. Das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist die Anzahl an zahlenden Kunden. Über das iOS geht 80% des Umsatzes mit Inhalten bei nichtmal halb so vielen quartalsweise verkauften Geräten wie Android.

        Und wenn das Zeitungsgeschäft so wenig abwirft, wird es auch in Zukunft kein Bereich sein, auf den Apple Rücksicht nehmen muss. Der interessiert dann einfach niemanden mehr.

      • Anonymous

        Mag sein dass Dich hochwertige Presseerzeugnisse nicht interessieren, mich und andere aber schon. Genaugenommen war das der Grund warum ich mir ein iPad zugelegt habe.

      • http://www.iphoneblog.de iphoneblog

        Genau. Erstmal die Füße stillhalten. Es gibt und gab bereits genügend Meldungen, bei denen einige Leute die Welt untergehen sahen.

  • Temlad

    Äh, hier beschwert sich ein kostenpflichtiger Dienst, der 30 % Provision einhebt über einen Dienst, der 30 % Provision einhebt? Oder verstehe ich da etwas grundlegend falsch?

  • ready2go

    japs das ist halt das Problem an der ganzen Sache.
    30% für nen Dienst, das erst wirklich durch einen Apple-Produkt zustande kommt, halt ich ja für i.O. Da können Verleger jammern wie Sie wollen. Allerdings, dann bei Dienste wie Dropbox, Evernote usw noch abkassieren wollen, hm das ist dann natürlich ne andere Geschichte. Nun ja, ich hoffe man einigt sich, sonst wirds über lange Zeit wohl oder übel nen Schuss nach hinten für Apple. Aber das wird dann wohl erst die Zukunft zeigen.

    • dermattin

      Warum soll Apple nicht für ihre Dienstleistung (in dem Fall das Erschliessen von Kunden durch die iGadgets) Geld verlangen dürfen? Nur weil es sich hier um Software handelt, sollen z.b. Mehrfachnutzungen kostenlos sein? Ich sehe nichts verwerfliches darin, dass ich z.b. für die Bereitstellung einer Software auf dem Desktop Computer, dem Handy, dem Fernseher oder sonst was jeweils Geld bezahlen soll. Heisst natürlich nicht, dass ich das bezahlen wollen würde…

      • Anonymous

        Die Frage ist doch, ob Apple hier wirklich neue Kunden erschließt. Lade ich mir eine App runter und merke dann, dass ich damit ja eine Abodienstleistung abschließen kann und weil das so super kundenfreundlich war, mache ich das auch sofort?

        Oder ist es so, dass ich von einem Dienst gehört habe, den ich gerne nutzen würde und mir dann die App dazu ebenfalls besorge. In diesem Fall ist dann blöderweise für den Kunden einfacher in der App zu bezahlen als über meinen separaten Kreditkartenabrechnungsdienst. Ich habe den Kunden also zu Apple getrieben … super Idee.

  • Sebastian

    Tja…

    Ich sag mal so, ich kann Apple ja verstehen. Sie versuchen im Prinzip nur das, welche Amazon z.B. beim Marketplace (“Die Preise hier dürfen nicht höher sein als die Preise in Euren eigenen Internet-Shops”) oder eBay beim Versteigern (“Wenn Du Paypal verwendest steigt die Provision die wir bekommen von 7% auf 14% und übrigens wenn Du noch keine 50 positiven Bewertungen hast musst Du Paypal anbieten”) schon ohne Murren der Kunden ohne erfolgreiche Gegenwehr der Kunden durchgezogen haben.

    Macht wirtschaftlich ja irgendwo Sinn. Für die Firmen.

    Wobei ich mich frage, ob Amazon oder eBay genauso verteidigt worden wären.

    Wie dem auch sei, Readability mit seinem Preismodell ist für meinen Geschmack auch nichts anderes als ein Zeitungsabo das ich schon habe und mir dann ein iPad kaufe. Das ist bei “The Daily” anders und da darf Apple gerne 30% vom Kuchen haben, aber alles Andere ist der Witz hoch fünf.

    Es kann nicht angehen, dass Zeitungen, die eine Papierversion veröffentlichen, für Kunden, die bereits ein Abo haben, keine App bereit stellen können die einen unentgeltlichen Zugang ermöglicht. Das iPad ist ein Lesegerät in diesem Fall und kein Bezahlmodell. Der Kindle ist ebenfalls nur ein Lesegerät, selbst wenn er auch von Amazon verkauft wird.

    Setzt diese Logik doch bitte mal fort. Was kommt als Nächstes? Die Amazon iPhone-App wird abgelehnt, weil dort die Möglichkeit besteht, sich eine Packung Funnyfrisch für 3,99 zu kaufen über seinen Amazon-Account mit Abbuchung vom Konto mit der Begründung dass Apple davon gerne 30% abbekommen möchte?

    Die App von WDR.de wird abelehnt weil Apple 30% der auf den WDR abfallenden GEZ-Gebühren haben will?

    Klingt weit hergeholt?

    Wirklich?

    • Anonymous

      Witz hoch fünf ist gut … man kann es verstehen, dass man Apple etwas abgibt, wenn das Geschäftsmodell eines App-Anbieters sich nur auf iPhones beziehen würde, aber das tut es ja nur in wenigen Fällen. Streaminganbieter, Bücher, etc gibt es ja nicht nur für’s iPhone und jetzt will Apple eine unverhältnismäßig große Provision?! Ich bin gespannt wie das ausgeht. Gerade für Fälle wo Content oder ein Dienst nicht speziell für das iPhone produziert wird und bisher eben extern gekauft wurde …

      • Sebastian

        Noch heißer finde ich den Kommentar von Gruber zum Thema

        “Readability needs Apple, Apple does not need Readability”

        Und dazu dann der Vergleich, dass Readability doch auch 30% Gebühren nimmt. “Sound familiar”?

        Mancher würde sagen Nachahmung ist die höchste Form des Lobes… aber egal. Apple gut, alle anderen böse.

        Ach und dann der Beitrag zum Thema Instapaper und Marco Ament, der indirekt aussagt, dass das Verizon iPhone kein Erfolg war. Warum war das kein “Claim Chowder”? Die Suppe, die ich selbst einbrocke, ist kein “Chowder”?

        Ich finde es deshalb schön, dass Alex hier eindeutig eine andere Position vertritt als Gruber, der wohl irgendwie nicht versteht, dass die Readability-Funktion, die ähnlich auch in Safari für Mac OSX und Windows enthalten ist, und dort KEINEN Knopf für eine Entlohnung des Autoren enthält, und das nichts anderes als ein “Flattr” System mit dem man sich für das Wegfallen von Blinke Blinke-Werbung “bedankt” und damit KEIN Abo.

        Im Endeffekt möchte Apple an ALLEN Umsätzen auf ihren Geräten mitverdienen. Die nächste Eskalationsstufe wäre dann Software auf dem Mac nur noch über den Mac OS Appstore und alles andere wäre nicht lauffähig. Begründung? “Sicherheit” – “Einfachheit”. Folge: 30% an allen Verkäufen für Apple und die Unmöglichkeit der Installation von Software, die nicht den Richtlinien entspricht. Ich weiß, auch wieder nur ein Horrorszenario und Fantasie aber wer sagt denn, dass das nicht als Nächstes kommt wenn all die schönen Dinge aus der iOS-Welt “back to the Mac” kommen?

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