von Alex Olma
22. Februar 2012 – 14:44 Uhr

‘skobbler’ sägt Android-Navi ab und steht dazu Rede und Antwort

Skobbler, ein Technologie-Start-up mit Firmensitz in Berlin, zog im Oktober 2009 mit einer Navigationssoftware in den App Store. Vorgestern erklärte das Unternehmen im Blog und per Pressemitteilung, dass die seit Sommer 2010 veröffentlichte Android-Version eingestellt wird. Begründet wurde die Entscheidung mit: “Bezahl-Apps auf Android [sind] derzeit aus skobbler-Sicht nicht rentabel“.

Ohne die aufgeworfenen Behauptungen zu hinterfragen, vervielfältigte sich (wie gewohnt) die ‘News’ im Netz. Mir kam das Statement gegenüber der Thematik zu populistisch aufbereitet vor und schien lediglich aufs mundgerechte Nachplappern ausgerichtet.

Marcus Thielking, einer der Gründer von skobbler, beantwortete mir ein Bündel an Nachfragen, die sowohl meine Kritik der vereinfachten Darstellung zum Ausdruck bringen sollen, aber auch zusätzliche Einblicke ins Spannungsfeld der zwei mobilen Betriebssysteme liefert.

IPhoneBlog de skobbler 1IPhoneBlog de skobbler 2

Alexander Olma: Auf welche Quelle beziehen Sie sich mit dieser Aussage: “Googles mobiles Betriebssystem Android hat bei der weltweit verbreiteten Stückzahl Apples iOS den ersten Rang abgelaufen.“?

  • Marcus Thielking: Wir treffen unsere geschäftlichen Entscheidungen auf der Grundlage aller uns vorliegenden Marktkenntnisse, die sich aus einer Vielzahl von Quellen ergeben – ein Beispiel dazu: http://historilla.com/smartphone-and-app-growth.

Direkt anschließend darf ich Sie zitieren mit: “Dennoch gibt skobbler, der Entwickler der erfolgreichsten deutschen App des Jahres 2011, bekannt, seine eigene Navigationsapp nur noch für Apples iTunes-App-Store weiterzuentwickeln.” Auch hier fände ich es spannend zu erfahren, welche Fakten den Titel der “erfolgreichsten deutschen App des Jahres 2011” bestimmen.

  • Im „App Store Rewind 2011“ nannte Apple die erfolgreichsten Apps des Jahres im deutschen iTunes-Store. Dort lag „GPS Navigation 2“ von skobbler auf Platz 9 unter den meistgekauften Bezahl-Apps des Jahres und war damit als einzige deutsche App unter den Top10 vertreten, die ansonsten wie üblich von amerikanischen Apps dominiert wurden. Zudem zeigt Apple auch aktuell GPS Navigation 2 als beste “deutsche” App auf Platz 6 der Top25-Kauf-Apps im Rahmen der 25 Mrd.-Downloads-Aktion.

Im Beschreibungstext ihrer Android-Anwendung werben Sie mit den Worten “best-selling navigation app in serveral countries for months.” Ist es Ihnen möglich diese Behauptung mit ein paar eigenen Download- oder Verkaufs-Zahlen zu unterfüttern? Konkurrenten wie TomTom, Sygic oder Navigon liegen allesamt preislich (erheblich) über Ihrer Android-Software, weisen allerdings (erheblich) mehr Bewertungen auf und ließen bislang noch nicht verlauten, dass das Android-Geschäft vergleichsweise schlecht läuft.

  • Die Aussage basiert auf allen Marktdaten, die uns zur Verfügung stehen. Unsere Navi-App wurde in allen Versionen und Plattformen insgesamt über 2,2 Millionen mal heruntergeladen und stand fast das ganze Jahr 2011 hindurch – wie auch heute – in der Navi-Kategorie des App-Stores auf Platz 1. Dass teure Premium-Navis eine höhere Zahl an Bewertungen haben, ist nicht unbedingt verwunderlich: Wer viel Geld für eine App ausgibt, hat auch eine höhere Motivation, Kritik oder Lob zu äußern.

Die “wirtschaftliche Sinnhaftigkeit” durch den “übermächtigen Wettbewerber” Google mit seiner “kostenlosen Turn-by-Turn-Navigation” würde mich näher interessieren. ‘Google Maps navigation‘ existiert seit 2009 in den USA und erreichte Europa im April 2010. Die Android-Version von skobbler startete in Deutschland meines Wissens im Sommer 2010. Was hat sich gegenüber der damaligen Konkurrenz-Situation, in die bereits gestartet wurde, jetzt geändert?

  • Wir glauben, dass Android viel Potenzial bietet, und auch der offene Ansatz ist uns sehr sympathisch. Als wir die Android-App damals entwickelten, kam Google fast gleichzeitig kostenlos auf den Markt. Dieser negative Marktimpuls machte es uns schwer, im Androidmarkt Fuß zu fassen – obwohl unsere App durchaus ordentlich heruntergeladen und genutzt wurde. Wir haben dann vergeblich darauf gehofft, dass im Android Market eine Zahlungsbereitschaft entsteht, die mit dem Apple-Umfeld vergleichbar ist. Wenn man dann noch bedenkt, dass die Entwicklung einer komplett neuen Produktversion (analog GPS Navi 2) für die vielen, fragmentierten Android-Versionen sehr aufwendig ist, wird man unsere Entscheidung nachvollziehen können. Trotzdem verfolgen wir weiter den Ansatz, die OpenStreetMap für die Android-Plattform zu erschließen. Damit beziehen wir uns sowohl auf Kartentechnologie für Dritte als auch auf eigene Apps abseits der Autonavigation.

Sie schreiben: “Bereitschaft zum Download von bezahlten Apps bei Android-Nutzern [ist] deutlich schwächer ausgeprägt als bei iOS-Nutzern“. Ihre iPhone-App kostet aktuell im deutschen App Store 1.59 € (iTunes-Link); die gleichnamige Android-Version wurde kostenlos angeboten, oder täusche ich mich da?

  • Sie haben Recht. Auf Basis der von Ihnen zitierten Annahme haben wir uns auch damals zu dem kostenlosen Ansatz entschlossen. Spätestens durch den beinahe gleichzeitigen Eintritt der Google Maps Navigation hatte sich die Frage für unsere Online-Navi-App mit Basisumfang dann auch endgültig erledigt.

Als Letztes würde ich gerne Ihre zitierte Quelle für die Unterscheidung zwischen Android und iOS hinterfragen. ‘Mobile Zeitgeist’ zieht (meiner Meinung nach sehr vereinfachte) Rückschlüsse eines einzelnen Statistik-Anbieters, dessen ‘All-Time’-Charts gerade erst am vergangenen Freitag, durch Apples eigene Auflistung, zu großen Teilen widersprochen wurde. Ihr englischsprachiger Blogbeitrag zur heutigen Meldung zitiert GigaOM mit einem Artikel, der bereits 10 Monate alt ist. Ohne hier ins Detail zu gehen frage ich mich generell, warum Sie keine eigenen Zahlen vorlegen, die den Unterschied der beiden mobilen Betriebssysteme deutlich machen und Ihre “wirtschaftliche” Entscheidung, ‘skobbler Navigation‘ für Android nicht weiterzuentwickeln, darstellen?

  • Wo auch immer Sie hinsehen, Sie werden bei jedem Anbieter unterschiedliche Zahlen finden, je nach Herkunft und Interesse des Unternehmens. Wir möchten dieses Spiel nicht mitspielen, denn es ist nicht unser Geschäft, die validesten Zahlen herauszugeben. Wir entwickeln Apps, und wir müssen diese Leistung wie jedes andere Unternehmen auch durch Umsätze gegenfinanzieren. Bei unserer Marktbetrachtung beziehen wir aus nachvollziehbaren Gründen (siehe auch die vorigen Punkte) nicht nur eigene Erfahrungswerte mit ein, sondern bedienen uns auch vieler anderer Quellen (z.B. Marktanalysen, Erfahrungen anderer Entwickler). Wenn unsere Marktbeobachtung uns irgendwann annehmen lässt, dass wir auch eine Android-Navi wirtschaftlich sinnvoll vertreiben können, dann werden wir das tun. Bis dahin konzentrieren wir uns auf Android auf die Weiterentwicklung unserer OpenStreetMap-Kartentechnologie und eigene Apps außerhalb der Autonavigation.

Vielen Dank für Ihre Zeit Herr Thielking!

  • http://www.appleoutsider.de/ AppleOutsider.de – Sebastian P

    Bravo. Eins mit Sternchen für die Fragen. Chapeau.

  • http://twitter.com/schneider_th Thomas Schneider

    Jetzt nochmal zum Verständnis; Skobbler wird im iOS-Store für 1,59€ angeboten und ist für Android kostenlos erhältlich und Herr Thielking sagt ja auch, dass man den kostenlos Ansatz verfolge.

    Woraus ergibt sich dann die Aussage, dass Android-Kunden nicht zahlen würden? Und wieso ziehen sich die Entwickler aus dem Markt zurück? Hatten sie etwas anderes erwartet?

    Sorry, wenn die Fragen vielleicht offensichtlich sind, aber ich finde das Interview wie auch die ganze Aufbereitung um das Thema sehr kryptisch…

    • Fabian

      Die Skobbler-iPhone App lässt sich durch InApp-Käufe diverse Offline-Funktionalitäten (Kartenmaterial) bezahlen. Aus den Aussagen des Skoppler-Teams lässt sich schließen, dass sich nach dem Herunterladen der App wesentlich mehr Personen auf iOS für InApp-Käufe entscheiden.
      Leider auch nur eine Vermutung. 

    • http://www.appleoutsider.de/ AppleOutsider.de – Sebastian P

      Das was Du vermisst wäre ein Editorial mit Analyse der Antworten nach dem Interview. Ich finde es ist legitim wenn man sowas auch mal weg lässt damit sich der Leser seine Meinung selbst bilden kann. Du bist da ja schon auf dem richtigen Weg. Die Frage ist im Endeffekt was denn jetzt die wirklichen Gründe sind. Alex unterlässt es in diesem Fall einfach, zu spekulieren, wobei ich mir ehrlich gesagt ganz gut denken kann, warum Android sein gelassen wird.

      • http://twitter.com/schneider_th Thomas Schneider

        Mich hätten einfach noch ein paar Hintergründe (wie zum Beispiel die Möglichkeiten des In-App-Kaufs, die ich nicht kenne) oder weitere Recherchen interessiert, da ich das Thema Zahlungsmoral sehr interessant finde.

        Und auch wenn ich die Antworten nicht fertig auf dem Silbertablett haben will wären ein paar Spekulationen oder Andeutungen (wie du sie ja auch hast) nett gewesen.

        Trotzdem nochmals vielen Dank für den Artikel und auch für die Antworten zu meinen Fragen.

  • Sebbi

    Ich habe Skobbler auf Android nie benutzt, auch wenn ich es damals auf iOS gekauft habe. Die Google Navigation ist einfach um Meilen besser und sorgt wahrscheinlich allgemein dafür, dass es Naviprogramme nicht all zu leicht haben auf dieser Plattform zu bestehen.
    Finde es auch etwas seltsam von Kaufmuffeln zu reden, aber gar keine kostenpflichtige App angeboten zu haben. Es gibt durchaus (auch hochpreisige Apps), die oft gekauft werden … mir fallen da z.B. Titanium Backup oder Beautiful Widgets ein. Von Grund auf davon auszugehen, dass die Kunden nichts bezahlen würden … nunja ;-)

    Meine Test-App ( https://market.android.com/details?id=de.sebastianherp.illusionclock ) schätze ich als so eine “da wird keiner für Geld ausgeben wollen”-App ein, aber Navigation? Warum nicht, wenn sie besser als die eingebaute sein sollte (was bei Skobbler – zumindest die alte iOS-Version, die ich kenne – nicht der Fall war)?

  • Arne Tehpunkt

    Inhaltlich top, danke fürs Nachfragen. Aber: Wieso ist das Interview so seltsam formatiert? Lässt dein WordPress-Plugin keine “vernünftigen” Quotes zu oder wie kommt das?

    • http://www.iphoneblog.de iphoneblog

      Ja, nicht optimal. Kommt auf die Liste!

  • Bjoern

    Ein toller Artikel! Danke dafür.

  • Leif

    Derartige Herren finde ich immer amüsant. In den App Beschreibungen damit zu werben welche Preise oder Ränke sie mit ihrer iOS Version bekommen haben und sich dann davon etwas auf einer anderen Plattform zu versprechen ist einfach etwas weltfremd. 
    Das wäre als würde man aus lecker zubereitetes Meerschweinchen aus Peru hier auf dem Tisch servieren und erwarten dass die Menschen sich gierig darauf stürzen.
    Mit einer Navigationsapp in den Android Market zu treten ist sicher schon ein Risiko wie im Artikel ja auch schon erwähnt wurde und dazu ist die Konkurrenz auch noch ziemlich hoch. Die meisten dürften mit Google Maps Navigation wohl mehr als glücklich sein. Wer dennoch etwas mehr möchte greift dann wohl eher zu CoPilot oder Navigon – auch wenn diese 37, bzw fast 60€ kosten. Dafür bieten sie jedoch auch mehr und haben sich einen gewissen Namen verschafft. CoPilot und Navigon sind selbst mir als Bahnfahrer ein Begriff weil diese entsprechend präsent im Market und den Blogs waren, aber von Skobbler habe das erste mal mit dieser News gehört.  Schlechtes Marketing kann man hier wohl nur sagen. 

    • Leif Sikorski

      Weil es ganz gut zum Thema passt. 

      Sygic hat mit seiner Navi App die 5mio downloads geknackt. Also bedarf an Navi Apps ist vorhanden, da war skobbler wohl einfach nur zu schlecht oder mit seiner OpenStreetMap für den “normalen” Konsumenten zu unattraktiv.  http://alphaandroid.com/sygic-is-the-first-gps-app-to-reach-5-million-android-downloads/

  • Pingback: TeleNav kauft die skobbler GmbH mit seinen Open-Street-Map-Apps – iPhoneBlog.de()

iPhoneBlog–Social

Sponsorship

Support

App Store

Wer eine beliebige iPhone-App im App Store über diesen Link kauft, seinen Mac mit Software aus dem Mac App Store beglückt oder ein Produkt seiner Wahl bei Amazon bestellt, unterstützt das iPhoneBlog mit einem kleinen Prozentsatz des (unveränderten) Kaufpreises.

Flattr verteilt Mikrozahlungen, mit denen Ihr persönlich diesem Blog kleine Aufmerksamkeiten zukommen lasst. Über diesen Button; jeden Monat neu. Vielen Dank dafür!

Archiv

Gastfreundschaften