Zahlenwirtschaft. Wer lehnt sich am weitesten aus dem Fenster?

von alex olma | 14. Januar 2010 | 14:49 Uhr

Wenn am Monatsende in der Cupertino-Buchhaltung die Akamai-Rechnung für heruntergeladene App Store-Inhalte eintrudelt, dürften nach den neusten Zahlen von insgesamt drei Milliarden Downloads, Überstundenzettel unter den Mitarbeiter sehr gefragt sein. Die Programmaktualisierungen (sprich Updates) spiegeln sich zwar nicht in der werbetauglichen Pressemitteilung wieder, müssen jedoch ebenfalls an das Content Distribution Network gezahlt werden.

Dabei lässt sich die Höhe der anfallenden Gebühren schwer abschätzen. Eine Suchmaschinen-Anwendung wie WolframAlpha (App Store-Link) bietet mit 0.6 MB und einem Verkaufspreis von 39.99 € eine sehr gute Gewinnmarge für Apple. Mit dem 30-prozentigen Anteil lassen sich Kreditkarten-Institute, Datenlieferanten und App Store-Mitarbeiter locker bezahlen. Mit einem Spiel wie ‘Monkey Island’, das für 5.99 € schwere 355 Megabyte auf die Waage bringt (App Store-Link), wird die Rechnung schon mühsamer.

Kostenlose Anwendungen, wie das beispielsweise heute im deutschen App Store veröffentlichte Amazon-Verkaufsprogramm (App Store-Link), kosten Apple richtig Geld. Mit der Jahrespauschale für Entwickler von zirka 80 € lassen sich nur eine begrenzte Menge von Benutzerdownloads rentable abdecken. Die Einnahmen des Online-Händlers, die er mit einer iPhone-Anwendung umsetzt, fließen natürlich an Cupertino vorbei. Genauso wie Werbeschaltungen, die innerhalb von kostenlosen Anwendungen eingebettet sind. Apple zahlt für die Bereitstellung, die Entwicklerwerkzeuge und mit der entsprechenden iTunes-Präsentation Teile des Vermarktungs-Budgets.

Ohne Frage ist der App Store für Apple trotzdem ein profitables Geschäft. Mit einzuberechnen sind hier beispielsweise die Hardware-Verkäufe durch eine Software-Verkaufsplattform wie dem App Store.

Trotzdem schießen regelmäßig verschiedenste ‘Analysten’ mit vereinfachten Milchmädchenrechnungen an einer globalen Erfassung des Phänomens vorbei. Gigaom beispielsweise erhielt am gestrigen Mittwoch eine hohe Zahl an Trackbacks auf ihre optisch-opulente ‘App Store Economy‘-Grafik.

gigaom.jpg

Die Veröffentlichung führte größtenteils zu einem ungefilterten Wiederkäuen durch verschiedenste Klatschblätter Online-Magazine; in den Kommentaren wurden sehr schnell die Korrekturen erarbeitet. Man kann sich sicherlich lange mit den diskussionswürdigen Umsatzzahlen auseinandersetzten. Fakt bleibt, das die Datenquelle Flurry.com (seit Weihnachten im Zusammenschluss mit Pinch Media) lediglich reine Hochrechnungen und Abschätzungen liefern kann.

Solche Aussagen gilt es daher mit mehr Kritik zu beleuchten…

Combined analytics service will run on more than 80% of all consumers’ iPhone, iPod Touch and Android devices

Wie hier schon mehrfach angesprochen, liefern die Statistik- und Werbeframeworks einen interessanten Teilausschnitt das iPhone-Softwaremarktes, können jedoch nicht als Quelle globaler App Store-Zahlen gelten. Wenn dabei beispielsweise Behaupten herausfallen, das ‘nur’ 1/4 der App Store-Programme gekauft wurden, lässt sich kinderleicht die Frage aufwerfen: Welche Art von Programme bedienen sich der Möglichkeit von Reklamelieferanten? Kostenpflichtige Pro-Versionen oder werbefinanzierte Lite-Anwendungen?

450.jpg

Eine entsprechend wilde Geschichte genießt auch die Zahl vom 24/7 WallSt-Report, der den App Store-Verlust durch ‘Raubkopien’ mit $450 Millionen Dollar beziffert.

Regel 1: Traue keinem Bericht, der mit diesen Worten beginnt:

Anyone who is familiar with the iPhone is likely to know that these phones can be “jailbroken” or, to use the more common term “unlocked”.

Regel 2: Wenn Jay Freemann, der Mann hinter Cydia, gegenüber Wired die Anzahl von vier Millionen Jailbreak-Geräten im August 2009 auf seinem Server verkündet, bedeutet dies nicht automatisch, das im Januar 2010 mit 7.5 Millionen ‘freigeschalteten’ Geräten zu rechnen ist.

The jailbreaking process has only become easier since August, and if that figure is still about 10% of all Apple devices that can access the App Store, that would mean that the total number of jailbroken devices today is approximately 7.5 million assuming that total worldwide sales of the iPhone and iPod touch are now 75 million.

Im Artikel unerwähnt: Seit drei Monaten steht ein Firmware-Update aus. Die Jailbreak-Prozedur ist demnach unverändert und immer noch sehr leicht. Durch die iPhone-Verfügbarkeit in mehren Ländern nimmt die Quote von Jailbreaks, die aufgrund des Unlocks durchgeführt werden musste, eher ab.

Based on our review of current information, paid applications have a piracy rate of around 75%.

Regel 3: Vier Entwickler-Nennungen, eine Aussage darüber das ein Programm bereits 40 Minuten nach dessen Veröffentlichung als Kopie verfügbar war, sowie eine hohe Chartposition auf ‘Piratebay.com’ (übrigens heißt es thepiratebay.com) sollten nicht genügen, eine Quote von 75-Prozent ‘Raubkopien’ zu ermitteln. Geschweige denn, einen numerischen Umsatzverlust daraus abzuleiten.

‘Piracy’ bleibt natürlich trotzdem ein Thema, das ich hier nicht wegdiskutieren möchte. Mit einfachsten Methoden lässt sich jedoch für Entwickler Programmcode einfügen, der diese unsignierten Anwendungen erkennt. Wie damit dann umgegangen wird, findet jeder App Store-Entwickler selbst für sich heraus.

Despite this fact, Apple has been mute on the subject and done nothing to prevent acts of piracy, which is not unlike the stance it has taken on illegal music downloads to iPods.

Stumm? In-App-Verkäufe stehen derzeit als Mittel der Wahl hoch im Kurs. Dies teilte Apple am 21. Oktober 2009 seinen Entwicklern explizit in einem Anschreiben mit:

Using In App Purchase in your app can also help combat some of the problems of software piracy by allowing you to verify In App Purchases.

  • Alex

    Die Raubkopie-Quote ist sicherlich sehr schwer zu ermitteln, zudem es auch auf das App ankommt. Kostenlose Apps brauchen keine Raubkopien, und die 47615 kostenpflichtigen Taschenlampen und Furz-Apps will vermutlich auch niemand als Raubkopie haben. D.h. im “Durchschnitt” aller Apps und auch aller kostenpflichtigen Apps liegt die Quote vermutlich deutlich darunter. Wenn man sich auf die tatsächlich “brauchbaren” und sinnvollen kostenpflichtigen Apps beschränkt, dann kann ich mir eine derartig hohe Quote aber durchaus vorstellen. Bzgl. meiner eigenen Apps weiß ich, wieviel da kopiert wird, und es wird da nicht einfach nur mal “ausprobiert”, weil es keine Demoversion gäbe. Die Leute verwenden die Apps ernsthaft und dauerhaft als Raubkopie. Und insofern ist bei den AppStore-Preisen das Argument, “die meisten hätten das App sowieso nicht gekauft” vermutlich nicht mehr ganz so stichhaltig, wie bei Vollpreis-Software für Mac/PC oder Vollpreisspielen für Spielekonsolen. Die 79 Cent gibt man eben doch deutlich leichter aus, als 50 EUR oder mehr. Wie gesagt, gilt nicht für jedes Müll-App, aber für die “besseren” Apps durchaus.

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  • http://twitter.com/Eardi Ferdinand Leinbach

    Hier muss ich vollkommen zustimmen.. Für Top Apps, also Apps der Appstore Charts etc wird die Raubkopier Quote sicherlich sehr hoch sein. Für Apps, die die Charts und Empfehlungslisten niemals erreichen, wird die Quote wohl eher ziemlich gering sein. Was nicht bekannt ist, wird auch nicht Raubkopiert.. so mehr oder weniger..
    Dazu kommt: Selbst wenn es 7.5 Millionen Jailbreaker gäbe.. wie viel Prozent davon wissen den überhaupt, wie sie an gecrackte Apps kommen. Oder hatten jemals vor, durch den Jailbreak Apps zu Cracken?. Viele Interessante Aspekte kommen ja per Cydia.. teilweise ja auch bezahlt. Das sind sicherlich Erweiterungen, an denen ein gewisser Teil der Jailbreak gemeinde, den ich auf bestimmt mehr als 25% schätzen würde, als einziges Interessiert. Diese 25% haben sicherlich weder das bedürfniss, noch das Interesse an gecrackten Apps.. Dazu kommt sicherlich auch nochmal ein gewisser Prozentsatz von bestimmt nochmal 20%, die den Jailbreak ausschlieslich wegen dem Unlock haben. Bei den 4 Millionen vom August waren noch viele 2G`s dabei, die zu großen Teilen sicherlich nur Unlocked waren, mehr nicht.
    Wenn nun von den angenommenen 7.5 Millionen noch so 50% übrig bleiben.. dann ist das zwar immernoch viel. Aber wenn man von einer Piraterie Quote von 75% ausgeht, wäre das doch ein sehr “jämerlicher” Anteil an Verkauften Apps.. der Apples Download Zahlen ja irgendwie wieder Wiedersprechen würde (habs jetzt nicht durchgerechnet.. aber was gibt 75% von einer Milliarden(wenn man gekauft zu geladen gleich 1:2 annimt)? Und das Ganze geteilt durch 7.5Millionen durch zwei? Richtig… 200 gecrackte Applikationen pro Pirat. Das würde ich doch schon als eine ganze Menge ansehen. Quasi 12 Springboard Seiten an gecrackten Apps Pro Kopf..
    Das ist doch schon ne ganze Menge, würde ich mal behaupten.. Es gibt vielleicht so extreme Einzelfälle.. aber die breite Piraten Masse?
    Naja.. alles garnicht so leicht mit den Hochrechnungen… die ganzen gecrackten Apps kosten Apple nebenbei keine Serverkosten. Das senkt den Gesamtschaden durch Piraterie wieder..
    Alles in allem ist die Piraterie natürlich nicht gut. Aber höchst wahrscheinlich sind gerade mal weniger als 20% der Pirated Downloads dem Appstore entgangene Geschäfte. Viele der Piraten würden sie sonst ja wahrscheinlich nicht kaufen. Und bei all den negativen Aspekten der Piraterie, die klar überwiegen. Wenn einem Piraten die App gefällt, macht er bei seinen Freunden bestimmt unbewusst Werbung dafür.. und Gewinnt dadurch sicherlich auch den ein oder anderen Kunden, der es nicht über Piraterie, sondern den Appstore kauft. Kunden, die den Entwicklern sonst engangen wären.

    Noch was anderes: Eine mobile Version des iPhoneBlog ist nicht in Planung, oder?
    Und gibts so ne tolle Durchstreich-Funktion auch für die Kommentare? :P

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  • Sven7

    Solange sich das Ganze in Grenzen hält (maximal 10% die überhaupt Raubkopien einsetzten KÖNNTEN) und Apple und die gesamte mit den iPhone OS Geräten verbundene Industrie langfristig indirekt und unterm Strich profitiert, allgemein erfolgreich ist und Apple, AppStore und iPhone/iPod touch ein positives Image haben sehe ich das ganze im BIG PICTURE als kein großes Problem an. Und ausgehend vom bisherigen Verhalten scheint Apple das ähnlich zu sehen und deshalb nur in kleinen Schritten gegen Raubkopierer vorzugehen (s. neue Geräte mit modified Boot Rom gegen untethered Jailbreak). Unschön das Ganze, aber momentan nicht wirklich mehr als Hintergrundrauschen. Hilft das dem armen App Entwickler? Natürlich nicht.

  • http://www.iphoneblog.de iphoneblog

    Mit einer 'mobilen' iPhoneBlog-Version habe ich vor Jahren einmal herumgespielt und dann festgestellt, das das iPhone für's 'richtige Internet' da ist :)

  • http://twitter.com/Eardi Ferdinand Leinbach

    Da haste natürlich recht :D . Und Glücklicherweise ist die Seite (von dir beabsichtigt) so Optimiert, dass man mit doppeltap gezoomten Text den Text auch im Porträt Screen noch gut lesen kann. Nur beim Scrollen verrutscht man manchmal leicht zur Seite. Wobei das iPhone da ja ziemlich gut zu wissen scheint, das man lieber runter als nach rechts möchte :P .

  • Alex

    So kann natürlich nur jemand reden, der keine Apps entwickelt und nicht betroffen ist ;-)

    Fakt ist, daß die Raubkopierquote bei “sinnvollen” Apps tatsächlich häufig deutlich über 50 % liegt (eigene Erfahrung) und die im Artikel erwähnten 75 % sicherlich auch oft erreicht werden. Es spielt im Grunde keine Rolle, wie viele Leute Raubkopien einsetzen KÖNNTEN. Denn diese Leute gehören sicherlich zu den “aktivsten” Usern, die auch außer telefonieren viel anderes Zeugs mit dem iPhone machen. Unter den vielen “braven” iPhone-Nutzern, die zum großen Teil noch nicht man wissen, daß es sowas wie einen Jailbreak gibt, installiert ein großer Teil auch gar keine Apps. D.h. unter denjenigen, die auch Apps installieren und das iPhone zu mehr als zum telefonieren einsetzen, sind die Raubkopierer eine nicht zu unterschätzende Größe, die man nicht einfach so runterrechnen kann.

  • Sven7

    Ähm, nur weil ich mir vorstellen kann wie das ganze von oben aus aussieht heißt das noch lange nicht dass ich nicht auch Verständnis für App Entwickler habe.

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