iPhoneBlog.de iPhoneBlog.de
van Alex Olma
17. Februar 2010 – 13:04 Uhr

Zeitschriften vor der Zeitenwende

Die Verlagsbranche muss sich dieses Jahr gewaltig umkrempeln. Mittlerweile ist ein ‚No-Turning-back‚ ‚Point of no Return‘-Zeitpunkt erreicht. Obwohl vornehmlich Bücher im Fokus der Berichterstattung stehen, sehe ich den anstehenden Wandel für Magazine und Zeitungen als noch viel deutlicher aufleuchten. Bis auf die native Anwendung der ‚New York Times‘, räumte Apple bei seiner iPad-Präsentation den gedruckten Monats-, Wochen- oder Tages-Zeitschriften keine Sendezeit ein – irgendwie klang das so, als ob man sagen wollte: „jetzt macht ihr mal“.

Das Technologie-Magazin Wired zeigte schon im November 2009 erste digitale Heft-Konzepte für ‚iTablet‘-Geräte. Auf der TED-Konferenz (YouTube-Kanal), die in Long Beach letzte Woche abgehalten wurde, enthüllte Chefredakteur Chris ‚The Long Tail‚ Anderson eine Weiterentwicklung der interaktiven Publikation (oben im Video), die noch in diesem Jahr auf das iPad wandern soll. Der ‚Wired Reader‘ soll dabei auf Adobe AIR-Technologie setzten, welche demnächst auch Apple-tauglich heranrauscht.

Ein Umdenken ist bitter nötig. Schon alleine der Blick auf die (IVW-)Auflagenzahlen für den Bereich der Videospiel-Journale führt den Umbruch vor Augen. Die ‚Computer Bild Spiele‘ verlor in Q4/2009 gegenüber dem Vorjahresquartal 4-Prozent. Das sind rund 12.000 verkaufte Exemplare weniger. ‚GameStar‘ brach um 22.5-Prozent ein, und verkaufte ‚lediglich‘ 133.000 Ausgaben. Die Liste lässt sich beliebig fortführen: ‚PC Action‘ -38.5-Prozent; ‚PC Games‘ -17.7-Prozent; ‚SFT‘ -33-Prozent oder ‚PC Games Hardware‘ -29.3-Prozent.

via magaziniac.de

Trotzdem. Die erdrutschartigen Zahlen sollen nicht verschleiern, dass sich immer noch unzählige Magazine an abertausende von Lesern verkaufen. Klar, die Zielgruppen werden kleiner und spezifischer. Trotzdem habe ich dieses unbändige Vertrauen, das sich finanzierbare Qualität durchsetzen wird. Durchsetzen muss.

Bislang konnten sich Verlegerkreise noch darauf ausruhen, dass die technischen Vertriebswege nicht ausgerollt waren. Mit der Veröffentlichung des iPhones wurde diese Argumentationsgrundlage dünner; mit dem iPad bricht sie komplett ein. Wer es in den nächsten Jahren nicht schafft, seinen potenziellen Leserkreise auf attraktive Digitalangebot auszuweiten, aber trotzdem die Türen schließt, fasst sich bitte selbst an die Nase. Als ‚Attraktivität‘ bezeichne ich dabei sowohl den Preis, als auch die technische Gestaltung. Das Hauptaugenmerk der Print-Gazette sollte sich meiner Meinung nach weiter auf den Inhalt richten. Video-Schnickschnack und 3D-Modelle bezahlen diejenigen, die sich so etwas leisten können. Beispielsweise die Werbepartner.

Ein (angeblich) interner Diskussionsstreit über die Preisgestaltung der ‚New York Times‘-Anwendung, die sich zwischen monatlichen $10 und $30 US-Dollar abspielen soll, darf meines Erachtens erst ausgefochten werden wenn es ein zu verkaufendes Produkt gibt. Ein Produkt, für das Kunden bereit sind überhaupt Geld auszugeben. Die Financial Times berichtet in einem aktuellen Artikel über klagende Verleger, die eine fehlende Kontrolle über die Kundendaten und das ‚inakzeptable‘ 70/30 Preisgefüge bemängeln.

via fscklog

Es wirkt fast ironisch, dass dieser Artikel nur gegen eine Registrierung einzusehen ist, die mich fünf Minuten meiner Zeit kostete und solche Bildschirme präsentierte:

FT.com.jpg

Nichtsdestotrotz. Ich persönlich freue mich auf Magazine und Zeitschriften, die es schaffen mit einer inhaltlichen Ausarbeitung in adaptiertem Print-Layout und mit cleveren Bedienkonzepten, meinen digitalen Heft-Konsum anzukurbeln. Genau dafür bin ich bereit Geld und Zeit auszugeben.

  • Pingback: uberVU - social comments()

  • Pingback: #boah | bastelschubla.de()

  • Myself

    Netter Artikel.

    Kleine Anmerkung: Augen auf bei Anglizismen. Ich denke du meinst den „point of no return“. ;) Grüße

  • Ganz genau. Der war es :)

  • Es gab mal eine Zeit, da habe ich regelmäßig und gerne Zeitschriften wie Linux User, MacLife, Macwelt oder irgendwelche Games-Magazine gekauft und gelesen, egal wie wie teuer sie waren. Wenn mich auch nur ein Artikel beim kurzen Durchblättern oder eine Schlagzeile angesprochen hat, dann lag die Zeitschrift im Einkaufswagen.

    Mittlerweile sind die Heftchen so dermaßen mit Werbung und gekauften Artikeln überladen, dass es irgendwie keinen Spaß mehr macht, sie zu lesen. Wenn es nicht die Alternative Internet gäbe, dann würde ich mir eventuell sogar die Werbung gefallen lassen. Aber es gibt einfach im Internet über die verschiedensten Kanäle viel bessere Informationsquellen (komprimierter, vorgefiltert und quasi in Echtzeit). Dank Twitter langweilen mich oft schon meine RSS-Feeds, die mir „veraltet“ vorkommen. Wenn mich eine Kurzmeldung in Form eines Tweets interessieren und ich in einem meiner RSS-Feeds einen entsprechenden Artikel finde, dann lese ich den Artikel in der Hoffnung, dass dort die Informationen angereichert und nett verpackt wurden. Aber sonst eher selten.

    Jetzt habe ich aber mittlerweile so viele RSS-Feeds und folge so vielen Twitter-Usern, dass ich mit dem lesen der einzelnen News fast nicht mehr nachkomme. Auch Dienste wie ReadItLaterList helfen da nur gering, weil eben auch nur als Puffer oder sogar riesen Sammelbecken dient.

    Ich weiß nicht in wie weit dieser Kommentar jetzt irgendwem weiterhilft. Aber das musste einfach mal raus! :) Aber ich bin mir fast sicher, dass es nicht nur mir so geht… Aber genau das ist doch ein Missstand, den die Verlage bezahlterweise mit ein wenig Kreativität lösen könnten. zumindest hoffe und warte ich noch auf akzeptable Lösungsansätze, für die ich auch bezahlen würde.

  • Ich hoffe sehr ernsthaft auf eine Belebung des Marktes. Sicher, für mich sind die Zeiten von Spielemagazinen und Mac-Zeitschriften vorbei – das Internet ist aktuelles. Ich lese aber immer noch gerne den Spiegel, die ZEIT, die Brand Eins und die Neon. Nur ungerne auf Papier. Das habe ich nämlich meist nicht dabei ;).

    Diese Magazine in ansprechender Form (wie die NYT-App) oder zumindest als PDF auf dem iPad würde ich sofort nutzen: Einfache Abrechnung, zentrale Bezahlung über einen Dienstleister, zentrale Lieferung über einen Dienstleister, keine Papierberge mehr, die sich im Badezimmer anhäufen ;), die Zeitschrift ist immer dabei, Archivierung in iTunes (samt Spotlight-Indexierung und somit ein durchsuchbares Archiv im Rechner) usw. Die Vorteile wären für mich enorm.

    Ich bezweifle aber, dass da was kommt. Schon die Format- und DRM-Frage wird uns noch auf Jahre hinaus von der Nutzung abhalten. Und falls da was kommt, ist es sicherlich irgendeine Online-Only-Variante, die nur in der Nähe eines WLANs funktioniert.

    Btw: Schonmal probiert, herauszubekommen, wie die ZEIT ihr PDF-Abo verteilt und was ihr da überhaupt bekommt? Ob es da Mails mit Anhang gibt, ob das PDF ein DRM drauf hat, ob man einen Feed bekommt, der die PDFs enthält oder ob man wöchentlich das PDF von deren Website klauben muss? Alles für die ZEIT unbeantwortbare Fragen ;). Deshalb: Ich habe viele Hoffnungen, ich glaube aber nicht daran.

  • Hm. Wired ist ein Magazin. Die Financial Times ist eine Zeitung.

    Ich denke Du betrachtest das nicht eingehend genug. Eine „Wired“ entsteht nicht innerhalb von 24 Stunden. Die FT ist viel näher dran an der klassischen Webseite als Wired. Zudem sehe ich irgendwie den Unterschied nicht zwischen „Registriere Dich für FT.com und Erhalte Zugang“ und „Registriere Dich bei iTunes und erhalte Zugang, lade die FT.com App, und zahle im In-App Store“.

    Das ist quasi das Gleiche. Nur dass man das Eine (den iTunes-Account) schon hat, den anderen (für FT.com) noch besorgen muss. Und ich will ja nicht nölen aber ist der FT.com Account nicht ungefähr genauso „einfach“ zu bekommen wie ein US iTunes-Account? Auch finde ich die „Preisgestaltung“ die Du da als Screenshot hast z.B. um Einiges angenehmer als „Zahle 2 Euro über Click&Buy für 6 Seiten Artikel“ bei heise.de, wenn das ganze Heft mit 300 Seiten 4 Euro kostet.

    Klar, Qualität setzt sich (hoffentlich) durch, aber bist Du _ernsthaft_ der Meinung, dass die Leute sich nen Appstore Abo der FT besorgen, um dort Inhalte zu lesen, die nicht anders aussehen als eine Webseite? Jetzt mal Butter bei die Fische – die FT wird dann doch nicht zum Magazin, nur weil sie ne App hat. Die Leute rennen den klassischen Zeitungen weg, weil sie ihnen zu teuer ist, nicht weil es so umständlich ist, nen Browser aufzurufen und auf ft.com zu surfen. Ob App oder Mobile Safari, ich seh den Unterschied nicht. Oder meinst Du es lesen jetzt mehr 40jährige auf dem iPad? Soll das dann der Unterschied sein? Sitzen diese 40jährigen nicht sowieso vor nem Bildschirm den Tag über – oder lesen evtl. sowieso schon am iPhone mit Mobile-Safari die mobile Version von ft.com? Warum ist es so verwerflich, da dann einen Zugang vorauszusetzen?

    Für Magazine, Comics, Mangas – ja da ist das iPad die Zukunft.

    Für Zeitungen sehe ich aber schwarz, wenn es die Informationen, die sie verbreiten, nicht genauso gut (oder schlecht) woanders im Web für lau gibt.

    Ich bin eh der Meinung der einzige „Vorteil“ der gedruckten FT ist mittlerweile das rosa Papier. Mehr nicht.

  • Ach und nochwas: das Verwerfliche ist doch nicht, dass die Firmen jetzt Geld für ihre Leistung haben wollen. Das will Apple doch schließlich auch. Das, was den Zeitungen nicht gefällt, ist, dass sie jetzt 30% von der Marge abgeben (sollen), weil Apple die Schlüssel zum Geld der User hat – aber ganz davon ab, die „ich will nicht bezahlen“ Mentalität ist doch eh weg. Ich lade inzwischen Musik und bezahle dafür – hab ich früher nicht. Wegen iTunes. Ich bezahle inzwischen für Applikationen auf einem Mobilgerät – hab ich früher nicht. Wieder wegen iTunes. Die Menschen klauen einfach nicht mehr so sehr wie früher, weil sie es _endlich_ in bezahlbarer Form und unendlich leicht dargeboten bekommen.

    Und hier seh ich dann auch schon das unschlagbare Argument für das iPad. Wenn das iPad im Streaming ohne Sync über WLAN vom Mac mit iTunes oder eher sogar noch direkt aus dem Internet _sofort_ eine Fernsehsendung für 50 Cent die Folge (ok von mir aus auch 1 Dollar) vorhält, so dass ich für meine Lieblingsserie aus den USA am nächsten Tag nach Erstausstrahlung in den USA nur 20 bis 25 Dollar pro Season bezahlen muss – dann fang ich auch an, mir Serien als VoD zu kaufen. Gott wäre DAS schön.

    Aber nochmal zurück zum Anfangsthema: ich versteh nicht, warum Du es auf der einen Seite so komisch bzw. „kompliziert“ findest, dass FT.com Dich zur Registrierung zwingt, anders herum ist für Dich die App auf dem iPad mit 500 Dollar Minimum „Eingangspreis“ aber ok. Das finde ich allerwenigstens seltsam.

  • Ich freue mich ebenfalls darauf.
    Mir macht bereits die sehr einfache und sehr abhängige Version
    des Magazins von Kino.de sehr viel Spaß.
    Das auf einem Pad (egal, ob von Apple oder sonstwem), wird ein
    großer Spaß.
    Besonders freue ich mich, ein oder zwei gute Tageszeitungen
    in genau dieser art und weise zu genießen. Also multimedial.
    Ich will nicht die Zeitung als epub oder pdf. DAs ist langweilig.
    Nein, die zeitgemäße Tageszeitung im Pad muss genauso sein,
    wie Wired es vormacht: Multimedial, einfachstes Handling, …

    sagt Uwe Wallner vom http://glaubstduds.blogspot.com

  • …Es wirkt fast ironisch, DASS dieser Artikel nur …

  • Sundance

    Starker Kommentar. Stärker finde ich höchstens noch die „Anscheinend wollen Sie einen Brief schreiben“-Klammer von Microsoft Word.

  • Mann sollte sich auch mal die englische Zeitschrift „Dirt“ ansehen. Die bieten seit einer Weile ihr Magazin auf dem iPhone an. Ein Jahresabo kostet dort günstige 9,99€. Also ein Bruchteil dessen was es als Printausgabe kostet. Die App ist recht schick und bietet Potenzial für die Zukunft. Und die Printausgabe kaufe ich trotzdem, weil die Qualität alles in D-Land topt.
    Die App heißs übrigens auch „Dirt“.

  • Pingback: Das Geschäftswesen mit Inhalten: Verlagshäuser bereiten sich auf iPad-Veröffentlichung vor()

  • Pingback: Digitales ‘Wired’ Magazin erreicht iPad (+Video)()

Social

Abonnement

iPhoneBlog präsentiert wöchentlich neue Videos über App-Store-Apps und einen täglichen Ideenaustausch im privaten Slack-Kanal. Noch nicht dabei? Werde Abonnent.

Du hast schon einen Account? Login.

Support

App Store

Wer eine beliebige iPhone-App im App Store über diesen Link kauft, seinen Mac mit Software aus dem Mac App Store bestückt, ein Produkt seiner Wahl bei Amazon bestellt oder meinen Flattr-Button drückt, unterstützt das iPhoneBlog mit einem kleinen Prozentsatz des (unveränderten) Kaufpreises.

Archiv

Gastfreundschaften