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van Alex Olma
29. April 2010 – 10:15 Uhr

M! Games-Spezial / Apples Medien-Tausendsassa – das iPad im Praxistest

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Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2010. Dies sind die Abenteuer des Apple iPads, das mit seiner 4.000 App starken Besatzung unterwegs ist, um fremde Handbewegungen, neue Bedienkonzepte und Spiele-Kategorien zu erforschen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt das iPad dabei in Kulturkreise vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Zweifelsohne: Der Tablet-Computer aus Cupertino begründet eine komplett jungfräuliche Produktkategorie – irgendwo zwischen klassischem Laptop und erwachsenem Smartphone. Wer einmal Hand anlegen durfte, hat Schwierigkeiten seine Patschen freiwillig wieder vom hochauflösenden Multitouch-Bildschirm zu nehmen. Zu mühelos gleiten die Fingerspitze über das 1024 x 768 Pixel-Spielfeld des bekannten iPhone-Betriebssystems.

Mattscheiben-Flimmern

Wie man sich die Zeit an diesem Lifestyle-Gerät vertreibt, ist individuell unterschiedlich. Spiele dominieren in den US-Anfangstage das Software-Angebot. Die Untoten-Abwehr in PopCaps „Plants vs. Zombies HD“ schüttelte sich noch nie zuvor intuitiver aus dem Handgelenk. Knallbunt und mit hochauflösenden Texturen krabbeln und schwimmen die wiederbeseelten Leichen in Richtung der zu verteidigenden Behausung. Mit einem Fingerzeig platzieren sich Pflanzen-Gefechtstürme. Die ergonomische Glasscheibe mit stabilem Aluminiumrücken liegt auch bei rasanten „Real Racing HD“-Asphaltverfolgungen ausgewogen in den Händen. Der 9.7-Zoll- (bzw. 25 cm)-Bildschirm balanciert im ‘Lenkradgriff’ die Boliden accelerometergesteuert mit einem Eigengewicht von 700 Gramm über die Rundkurse. Durch die nahe Körperhaltung scheint der verbrannte Rennreifen-Gummi direkt in die Nase zu steigen. Mit weitaus weniger Adrenalin im Blut wird in „Labyrinth 2 HD“ eine kleine Silberkugel durch verzweigte Schachtelsysteme bugsiert. Aufbaustrategen genießen mit „Civilization Revolution for iPad“ genügend Bildschirmplatz, um Sid Meiers aufpoliertem Meisterwerk einen erneuten Besuch abzustatten. “Mirror‘s Edge for iPad” wird der viel gescholtenen interaktiven Animationsunterhaltung durch atemraubende House-Running-Passagen gerecht. ‘Point and Touch’ heißt es beim alt-ehrwürdigen Sam & Max-Abenteuer “Episode 1: The Penal Zone for iPad”, welches Telltale-Games dem iPad-Debüt pixelgetreu spendiert.

Durch die im wahrsten Sinne des Wortes HAUTnahe Handhabung ist man viel näher am Spielgeschehen als dies eine Tastatur, eine Maus oder ein Joystick zu leisten vermögen – der sehr persönliche Fingereinsatz erfolgt nur wenige Zentimeter entfernt vom eigenen Augapfel.

Die 185.000 auf zweifache Auflösung hochfrisierten, bereits verfügbaren iPhone-Anwendungen fördern dieses Spielerlebnis nicht. Naturgemäß laufen alle App Store-Programme über das spiegelnde Widescreen-Display. Die großkörnige Darstellung durch den Zweifach-Zoom lässt sich jedoch bestenfalls bei Umsetzungen von 8-Bit-Klassikern ertragen. Dem Apple-Werbespruch gilt kein Vertrauen: Als vernünftig benutzbare Anwendungen lässt sich derzeit ‘nur’ eine vierstellige Anzahl von Programmen betiteln. Diese speziell auf das iPad zugeschnittenen Apps legen nicht nur optisch eine Schippe drauf, sondern pendeln sich auch preislich, mit 5 bis 15 Euro weitaus gewichtiger ein als die Micropayment-Beträge des iPhones.

Gedanklich verabschieden darf man sich von der Sorge um die Akkulaufzeit. Die Lithium-Polymer-Batterie belegt nicht umsonst 80-Prozent des Gehäuse-Innenlebens. Zehn Stunden Laufzeit unter der intensiver LED-Sonnenbank zwingen das Gerät nicht in die Knie – egal ob das Interesse den Spielen, Filmen, Musik oder dem Internet-Einsatz gilt. Der 1GHz Apple A4-Prozessor peitscht HD-Videostreifen bis 720p über die Hochglanzanzeige, egal ob aus dem iTunes Store oder von der digitalisierten DVD. Hollywood warf selten ein schärferes Bild auf eine mobile Mattscheibe – gleichgültig ob in der voll besetzten U-Bahn oder unbeobachtet unter der heimischen Bettdecke. Die Musikwiedergabe ist durch den nicht portablen Geräte-Charakter nur dann für unterwegs geeignet, wenn man seinen Sound aus der 1,3 Zentimeter dünnen Flunder über die Bluetooth-Schnittstelle vom Rucksack auf die Kopfhörer beamt.

Besuchszeiten

Die iPad-Amphibien füttert man mit Entertainment-Material weiterhin ausschließlich im eingezäunten iTunes-Zoo. Je nach Gattung lassen sich 16, 32 oder 64 GB Futter zwischen die Rippen des Flashspeichers quetschen. Die Achillesferse bleibt das iTunes-Ungetüm, das jetzt auch noch Text- und Tabellen-Dokumente sowie Präsentationsfolien über USB entgegennimmt. Die Apple-Softwarewerkzeuge “Pages” (Word), “Numbers” (Excel) und “Keynote” (PowerPoint) geben eine stattliche Figur ab. Die Aufstellung der eigenen Monatsfinanzen rinnen dabei nicht nur sprichwörtlich durch die eigenen Finger – ungewohnt, intuitiv und mit katastrophaler iTunes-Synchronisation. Die virtuelle Tastatur bedarf ohne haptisches Feedback einer gewissen Einarbeitungszeit. In der breiteren Bildschirmansicht säubert sich das Text-Unkrautbeet nach einigen Tagen bereits merklich. Horizontal aufgestellt visiert man die Tasten nach dem ‘Zweifinger-Adlersuchsystem’ an oder koppelt für lange Artikel eine Bluetooth-Tastatur.

Surfen im Netz ist schlicht grandios. Nie zuvor ließ sich das M!Games-Forum unter www.maniac.de entspannter mit hochgelegten Füßen lesen. Für digitale Comics, eBooks und seitenlange PDFs gilt das Gleiche. Die Kinovorschau mit YouTube-Trailer zeichnet ein HD-Grinsen um die eigene Schnute.

Spielverderber? Der ersten Hardware-Generation lötet Apple kein eigene Kamera ein. Bedauerlich, da ansonsten der Umgang mit Fotos – beispielsweise als Diashow im Bilderrahmen-Format oder als Präsentations-Röhre mit TV-Adapter – vorbildlich ausfällt. Und ja, das ressourcenfressende Adobe Flash darf weiterhin nicht im umzäunten Apple-Gehege mitspielen. App Store-Anwendungen müssen immer noch durch den diktatorischen Genehmigungsprozess und dessen Richtlinie ewige Treue schwören – im Westen nichts Neues!

Das iPad ersetzt kein Mobilfunktelefon und kein Laptop. Es ist kein breites Antibiotikum, das alle individuellen Wünsche und Bedürfnisse an Computertechnik erfüllt. Die trainierten Muskelpakete blitzen jedoch in einer bislang ungesehenen Art und Weise auf – so sieht Medienkonsum 2010 aus! Ernsthafte Konkurrenz sucht man (leider) vergebens. Die iPad-Möglichkeiten bleiben vielfältig und fallen pro Nutzer sehr unterschiedlich aus. In den ersten fünf US-Verkaufstagen gingen 500.000 Geräte über den Ladentisch. Diese Nachfrage verzögert den weltweiten Verkauf um einen ganzen Monat – zumindest wenn man der Apple-PR Glauben schenken möchte. Erst Ende Mai startet hierzulande der Verkauf. In Acht nehmen dürfen sich einige Netbook-Hersteller, das Nintendo DS und die Sonys PSP – hier kommt ein Tausendsassa, der an den Erfolg des iPhones anknüpft.

[Kasten] Die Tafel des Anstoßes

Es sind nicht alles Pixel, die leuchten. Das iPad besitzt zwar 262.000 (edit: unterschiedlich funkelnde Farbpunkte) im LCD-Schirm mit IPS-Technologie, trotzdem bleibt genügend Nacharbeit für eine mögliche zweite Hardwaregeneration. Onkel Steve verwehrt dem ersten Jahrgang eine (wenn nicht sogar zwei) integrierte Kamera(s), die Schnappschüsse oder Videokonferenzen ermöglichen. Im iPad-Herz trommelt ein Apple Eigenfabrikat der Cortex A8-Prozessorfamilie – leider nicht das neuste Rechenwerkzeug. Der PowerVR SGX-Grafikchip und die mageren 256 MB-Arbeitsspeicher schubsten die Pixel in identischer Form bereits über den iPhone 3GS-Bildschirm. Der begrenzte Speicher ärgert, wenn im Webbrowser mehrere Tabs nicht vorgehalten werden können sondern beim Aufrufen neu laden müssen.

Die Qualität der ersten Spiele ist im Durchschnitt noch sehr ambivalent, da die Entwickler die OpenGL-Grafik zum Großteil nur ohne Testhardware ausprobieren konnten – hier ist in den nächsten Monaten eine rasante Qualitätssteigerung zu erwarten. Unverändert wird dagegen die Abwesenheit von Adobes Flash bleiben. Apple verfolgt hier seit iPhone-Einführung eine unbeirrte Linie und wartet darauf, das die Webangebote sich umstellen. Das passiert zwar, dauert jedoch. Und obwohl der Schritt aus technischer Perspektive sicherlich richtig ist, leidet der Nutzer, indem er beispielsweise die Mediathek von öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern nicht ansurfen kann.

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Die M! Games überspringt mit der Ausgaben-Nummer 200 ihre Jubiläums-Hürde. Ich dürfte dazu ein zweiseitiges iPad-Spezial beitragen. Die bunten Bilder im gedruckten Format finden sich ab Morgen am Kiosk. Es würde mich sehr freuen, wenn die Videospielbegeisterten unter euch einmal reinschnuppern.

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