Der Computer im Auto oder das Auto, der Computer?

Ein Interkontinentalflug vor 10 Jahren – wer ist alt genug sich noch ans Inflight-Entertainment-Programm zu erinnern? Aktuelle Kinofilme, ja, aber auf winzigen Flimmer-Bildschirmen. Der Sound schepperte über grauenvolle Plastik-Leihkopfhörer. Auf einem 13-Stunden-Flug nach Tokio tat ich mir so einmal ‚Lord of the Rings‘ an.

Vor 10 Jahren – in den Pre-‚Post-PC-Zeiten‘ wenn man so will – hatten wir keine smarten Telefone und deshalb auch keine 99-Cent-Spiele aus dem App Store. Wer sich unterhalten wollte, über die langen Stunden am Gate, weil der Flieger Verspätung hatte, packte besser ein gutes Buch ein. Eine einzelne SMS zur Familie kostete 20-Cent und seine ‚Breaking News‘ bezog man über die vereinzelten Fernseher, die an den Terminals hängen.

Ich erinnere mich an all das gerade heute, weil ich diese Zeilen auf einem Langstreckenflug tippe. Mein Flugtag begann um 4:30 Uhr in der Früh. Das Taxi zum Flughafen fuhr um 5 Uhr vor. Meinen Koffer stellte ich um 5:25 Uhr aufs Gepäckband. Von Helsinki nach Frankfurt dauerte es dann zwei Stunden. Bis ich durch drei Sicherheitschecks am finalen Abfluggate für den besagten Langstreckenflug in die USA ankam, vergingen weitere 45 Minuten. Bis der Flieger auf die Startbahn rollte, dauerte es abermals 30 Minuten. Meine verbleibende Reisezeit bis Houston, Texas: 10 Stunden 40 Minuten.

Was mir auf dem Trip klar wurde: Ohne iPhone und iPad hätte ich a) nicht vier interessante Podcast-Stunden verbracht, b) nicht die erste Hälfte der neuen ‚House of Cards‘-Season geschaut, c) keinen einzigen von drei (bereits länger aufgeschobenen) Artikel redigiert und d) definitiv nicht diesen Blogpost getippt. Mit iPhone und iPad war mein Reisetag gleichermaßen unterhaltsam wie produktiv.

iPhoneBlog.de_Google_Car

So weit, so unspektakulär ist diese Erkenntnis. Im Jahr 2016 braucht niemand eine Erklärung über die Bedeutung von mobiler Kommunikation, Unterhaltung und Produktivität, die zuvor einfach nicht existierte.

Und trotzdem fühlt sich für mich ein Reisetag mit allzeit verfügbarer Unterhaltung und der dauerhaften Möglichkeit produktiv zu sein, immer noch wie gewonnene Zeit an. Ich arbeite und komme gleichzeitig voran. Ich empfinde das als doppelt produktiv.

Worauf ich hinaus will: Mir wurde bewusst, wie viel ungenutzte Produktivität eine Reise fesselt. Im Flugzeug und im Zug kann ich etwas tun – im Auto aber nicht. Autofahren (als Person hinter dem Steuer) ist damit die kostspieligste Art der Fortbewegung, weil man körperlich und (hoffentlich auch) geistig in Gedanken auf der Straße ist und nicht schon beim nächsten Kundentermin oder auf der Netflix-Wunschliste.

Bereits beim Gedanken an den Zeitaufwand, den es braucht um von A nach B zu fahren, verwundert es nicht, dass diverse Silicon-Valley-Firmen ihre Finger in den Kuchen der Autoindustrie stecken. Während wir im Zug und im Flieger mehr oder weniger uneingeschränkt lernen, arbeiten und uns unterhalten, ist eine Autofahrt – zumindest für den Fahrer – tote Zeit. Selbst passionierte Autofahrer können sich nicht für Stadtverkehr, Staus und Umleitungen begeistern. Autofahren ist die meiste Zeit nicht entspannend noch nicht produktiv.

Ich bin mir sicher, dass wir in 20 Jahren aufs Autofahren von heute zurückblicken (und Aufrechnen wie viel Zeit wir in den Weg zur Arbeit investieren mussten oder der Fahrt in den Italienurlaub geschenkt haben), und kaum noch nachvollziehen können „wie das damals so war“. Es wird sich ähnlich komisch anfühlen wie heute einen Langstreckenflug, den man ohne eigenes Smartphone, ohne eigene Musik, eigene Spiele oder Filme bestreitet.

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Wer zukünftig die Infrastruktur gestaltet, die uns autonome Fahrzeuge und Lieferdienste schenken werden, hängt davon ab wer das Rennen in der Zeit nach dem klassischen Auto macht. Ein Google, ein Apple? Ich halte es nicht nur für plausibel, sondern sogar wahrscheinlich, dass sich in zwei Jahrzehnten einige Firmen, die sich heute als Computerfirma verstehen in 20 Jahren als Transportunternehmen sehen.

Nun gut. Nehmen wir also an, dass die individuellen (Zeit‑)Kosten für unsere täglichen Arbeitswege sinken und wir uns in eine tatsächlich mobile Gesellschaft verwandeln (US-Fahrdienst Uber zeigt uns schon heute wie das anläuft). In einer solchen Gesellschaft wird es sicher kein Personal Computer mehr sein, an dem wir arbeiten. Schon heute sind Laptops den modernen Anforderungen (Instant-On, always online, etc.) kaum gewachsen – sie sind ein Kompromiss um unterwegs zu arbeiten.

Daraus folgt: Smartphones und Tablets sind die Geräte, die uns in eine mobile Gesellschaft verwandeln, die dazu führen, dass sich auch unser Personenverkehr neu strukturiert (Teslas fahren auf Autobahnen heute schon alleine). Nimmt die Beförderung mit Autos, die alleine fahren, weiter zu, ändert das abermals unsere Bedürfnisse, die wir an unsere Computer stellen. (Personen‑)Transport und Computer sind also so eng verzahnt und deshalb direkt abhängig voneinander.

Es besteht wenig Zweifel, das die Automobilbranche vor einem kompletten Reboot steht. Die derzeitige Frage lautet: Baut Silicon Valley schneller bessere Autos oder programmieren BMW, Mercedes und Co. zuerst bessere Computer(‑software)?