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van Alex Olma
9. November 2021 – 12:43 Uhr

Fitness+ erhebt Ansprüche auf den Massenmarkt

Der folgende Artikel ist über 5.000 Zeichen lang. Um ihn zugänglicher zu gestalten, habe ich ihn eingesprochen. Für Abonnenten von #one habe ich die Audiodatei zusätzlich in den persönlichen RSS-Feed eingestellt.

Fitness+ war schneller aktiviert, als ich die Schnürsenkel meiner Turnschuhe binden konnte. Die Abo-Aktivierung war mit drei Klicks über die App auf dem Apple TV erledigt – zunächst für drei Gratis-Monate, die derzeit alle Käufer:innen einer neuen Watch bekommen.

Beim Start der Fitness-App schaut dieser Apple TV einmal durch den Raum und identifiziert alle Apple-Uhren. Auf der Watch bestätigt derjenige, der ein Training starten möchte.

Diese Integration zwischen Apple TV und Apple Watch ermöglicht es auch bei Freunden oder im Hotel-Gym mit seinem Account (und seinen Daten) zu trainieren1. Das ist ein echtes Argument für Apples eigene Set-Top-Box.

Diese Hardware-Integration macht außerdem deutlich, dass Apple hier bewusst keinen (generellen) Fitness-Service anbietet, der den Kauf einer Watch verlangt. Fitness+ ist vielmehr ein (spezieller) Workout-Dienst für (über 100 Millionen) Apple-Watch-Kund:innen.

Das Zusammenspiel aus Hardware und Software ist nicht nur ein Feature: Die Apple Watch ist das zentrale Argument der Trainingsvideos.

Fitness+ kauft oder mietet keine Fremdinhalte; Apple produziert alle Sessions selbst. Es ist einer der Gründe, warum sich jedes Fitness+-Abo im Rahmen der Familienfreigabe mit bis zu fünf anderen Personen teilen lässt. Mindestens beim Abopreis ist dies zu berücksichtigen: Fitness+ kostet 10 Euro im Monat oder die bedeutend günstigeren 80 Euro im Jahr. Das entspricht dann einem Monatspreis von 6,6 Euro.

Das ist zwar viel preiswerter als das typische Monatsabo im örtlichen Fitnessstudio oder die Anschaffung von einem Peloton-Fahrrad, gleichzeitig aber auch gar nicht zu vergleichen. Fitness+ äußert mit flexiblen Workout-Zeiten und geringen Equipment-Voraussetzungen tatsächlich Ansprüche auf den Massenmarkt. Ohne persönlichen Trainer und ohne spezielle Fitnessgeräte will es ein Sportdienst für alle sein.

Verbindendes Element ist die Apple Watch. Die Videokurse hätten ohne die in Echtzeit übermittelten Trainings­daten auf euren Screen kein Alleinstellungsmerkmal gegenüber den Workout-Videokursen auf YouTube und Co.2.

Seine Werte live auf dem Fernseher zu sehen (Herzfrequenz, verbrannte Kalorien bis zur „Burn Bar“), ist absolut motivierend. Obendrein springt man ohne große Vorbereitung in ein Training. Und wenn der Fernseher einmal von der Familie besetzt ist, weicht man aufs iPad oder iPhone aus.

Obwohl ich nie der Typ für Gruppenworkouts und geführte Trainingseinheiten war, kann ich ihnen die Extra-Motivation nicht absprechen. Wenn ich allein jogge und mich die Lust verlässt, drehe ich um. Wenn jemand mitläuft, zieht man dann doch die geplante Runde durch.

Fitness+ stellt nicht nur einen Trainer, sondern auch zwei Mitstreiter:innen. Das fühlt sich nach Gruppendruck an – im strikt positiven Sinn.

Mein größter Kritikpunkt: Ein Gruppentraining mit Freunden oder der Familie funktioniert nur über SharePlay und nicht mit zwei Personen, die zwei Apple-Uhren tragen und vor einem Apple TV stehen. Natürlich kann die zweite Person mitmachen und ihren Workout separat auf der Uhr aufzeichnen, aber das ist dann irgendwie auch kein gemeinsames Training. Wie zuvor erwähnt: Der Reiz besteht im Zusammenspiel mit der Apple Watch.

Solche signifikanten Erweiterungen bleiben bislang aus, obwohl der bezahlte Dienst bereits vor über einem Jahr in einigen englischsprachigen Ländern startete. Viele Aspekte fühlen sich immer noch nach Version 1.0 an.

Dazu zählt auch, dass Fitness+ hierzulande ohne deutschsprachige Trainer:innen loshüpft, sondern nur mit Untertiteln. Dieser Umstand dürfte größtenteils COVID geschuldet sein. Trotzdem hängt man die Ansprüche an einen bezahlten Dienst vom reichsten Unternehmen der Welt sehr hoch.

Nur um es noch einmal deutlich zu sagen: Der Originalton mit Untertiteln ist eine zu tolerierende Übergangslösung, aber hoffentlich kein Dauerzustand.

Fitness+ ist extrem einladend. Trotzdem sollte der Trainingskatalog mehr anleiten. Wo sehe ich beispielsweise vorab das Schwierigkeitslevel? Mir war oft nicht klar, wie anspruchsvoll ein Training ist, bevor ich es einige Minuten ausprobiert hatte.

Die Playlisten der Workouts waren für mich allesamt Hits. Als Apple-Music-Abonnent konnte ich sie nach einem Training direkt in meine Musikbibliothek übernehmen, um damit später noch eine Runde um den Block zu joggen.

Apple Watch bleibt das zentrale Element der angeleiteten Workout-Videos. Die Integration, die Einbindung und der unkomplizierte Zugang machen den Unterschied.

Das trägt Gamification rein. Apple bereitet die Push-Nachrichten für Workouts zu Apple-Watch-Freunden extra auf. Ein solcher Push-Hinweis führt eventuell dazu, dass man am Abend doch noch den Wohnzimmertisch zur Seite schiebt und sich zu einer kurzen Yoga-Session aufrafft. Ins Fitnessstudio würde ich für diese kurzen Einheiten spontan nie fahren – weil es Planung, Sportklamotten und einen Anfahrtsweg beinhaltet.


  1. Freund:innen oder Verwandte außerhalb deiner Familienfreigabegruppe, die Apple Fitness+ abonniert haben, können für ihr Training ebenfalls dein Apple TV-Gerät verwenden.

    Support.Apple.com 

  2. Die konkurrierenden (deutschsprachigen) Videotrainings, die ich im Netz fand, schwankten zwischen fragwürdig bis fremdschämen. 

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