iPhoneBlog.de iPhoneBlog.de
van Alex Olma
14. Mai 2015 – 10:14 Uhr

Apple Watch

Apple Watch ist große Handwerkskunst in kleinem Format.

Die Uhr ist das Ergebnis von einem perfektionierten Herstellungsprozess, der sich über acht iPhone-Generationen fortlaufend steigerte und mit diesem Wearable einen neuen Höhepunkt findet.

Das erste iPhone, das durch sein Level an Präzision tatsächlich herausstach und seinerzeit keinen ebenbürtigen Mitbewerber fand, war das iPhone 5. Es war dünner und leichter als das iPhone 4(s), hatte gleichzeitig aber einen größeren Bildschirm und einen robusten Metallkäfig. Die abgeschrägten Kanten wurden mit Diamanten geschnitten und anschließend spiegelglatt polierte. Präzisionskameras fotografierten damals jede Gehäuserückseite um aus über 700 Schnittmustern die jeweils passgenausten Einlagen im Mikrometerbereich zu finden.

Rückblickend verwundert es nicht, dass Apple sein Telefon im Jahr 2012 damit bewarb so präzise „wie eine Schweizer Uhr“ gefertigt zu sein.

Apple Watch hebt die über Jahre aufgebauten Fertigungstechniken nun abermals auf ein neues Niveau.

IPhoneBlog de Classic

Sechs Hardware-Eigenschaften fallen auf:

Force Touch hat sich bereits nach zwei Wochen so stark in meinen Fingerspitzen festgesetzt, dass ich mittlerweile regelmäßig versuche auch das iPhone-Display kräftig zu drücken – mit notorischer Enttäuschung im Anschluss, wenn sich dort dann nichts tut.

Die Digital Crown ist der Home-Button der Apple Watch – ähnlich bedeutend wie beim iPhone, ähnlich hochwertig konstruiert. Es dauerte ein paar Tage die Touchscreen-Angewohnheit abzulegen und häufiger das Drehrad zu benutzen. In vielen Fällen ist es die überlegende Eingabemethode auf der Uhr, weil sie auf dem kleinen Bildschirm so punktgenau navigiert.

Die Taptic Engine lässt sich schwer beschreiben, man muss das zarte Antippen auf den Unterarm einmal selbst gespürt haben. Scrollt man mit der digitalen Krone an das Ende einer Liste, vibriert der Mini-Motor. Ohne hinzuschauen ist damit jedem klar, hier endet die Tabelle, so wie es seit dem ersten iPhone der markante Gummiband-Effekt tut.

Mir ist auch nach zwei Wochen weiterhin nicht klar, ob die Taptic Engine einige Benachrichtigungen vergisst, ob ich sie nicht spüre oder ob das iPhone den Hinweis vorher abfängt. Ab und an übersehe ich nämlich weiterhin Benachrichtigungen, die die Taptic Engine normalerweise ankündigt.

Das Saphirglas der Apple-Watch-Kollektion (+ Apple-Watch-Edition) hat bei mir bereits einige Stöße eingesteckt, ohne dabei einen Kratzer davonzutragen. Ich war es bislang gewohnt ein unempfindliches FuelBand am Handgelenk zu wissen und habe meinen eher sorglosen Umgang bislang nicht angepasst – was nach intensiven Tests auch nicht notwendig ist. Saphirglas scheint seinen Aufpreis wert. Eine solche Sicherheit hätte ich gerne auch fürs iPhone.

Die Armbänder spielen in einer eigenen Klasse. Ich konnte bislang das Gliederarmband sowie das Loop-Lederarmband ausprobieren – beide sind exzellent verarbeitet. Sie machen Apple Watch zu einer tatsächlichen Uhr, die mehr als nur eine Geschmacksrichtung bedient. Apples offizielles ‚Made for Apple Watch‘-Zertifizierungsprogramm dürfte für einen blühenden (teilweise sicherlich geschmacksverwirrten) Zubehörmarkt sorgen.

Die Batterielaufzeit für einen Tag ist so gut, dass ich nach den ersten drei Tagen bereits die Batteriestandsanzeige von allen Zifferblättern gelöscht habe. Sie ist unnötig wenn man sich auf den täglichen Rhythmus einstellt jeden Abend die Apple Watch ans Ladegerät zu hängen. Es gab bislang keinen regulären Tag, an dem ich weniger als 30-Prozent Restlaufzeit hatte. Sie täglich zu laden, ist ein Regelmäßigkeit, die man sich leicht merkt.

Watch OS in Version 1.0

Watch OS ist der kleine aber unverwechselbare Bruder von iOS. An vielen Stellen, an dem Watch OS in seiner Entwicklung noch nicht soweit ist, blickt das iPhone-OS durch. Im Gegensatz zum iPad, dem auch mehr Eigenständigkeit gut zu Gesicht stehen würde, unterscheidet sich Watch OS im Aufbau und der Bedienung. Diese Unterscheidung ist absolut notwendig um am Handgelenk zu funktionieren.

Prominente Neuerung: die Bienenstock-Ansicht, auf der sich Apps im einem Wabenwerk ähnlichen Stil auffädeln. Es ist ein Hingucker, eine wundervoll verspielte Idee, die in ihrer jetzigen Form allerdings viel zu wenig Abstand zwischen den Icons lässt. Ich vertippte mich regelmäßig. Hier hilft es eigentlich nur ‚Bewegung reduzieren‘ in den Bedienungshilfen einzuschalten um alle Icons auf eine einheitliche Größe zu ziehen. Das sieht dann nicht mehr so cool aus, bedient sich aber besser.

IPhoneBlog de WatchFaces Bienenstock

Im Gegensatz zum iPhone ist der eigentliche Home-Bildschirm das Zifferblatt – dorthin kehrt man immer wieder zurück. Diese sogenannten Watch Faces lassen sich mit Komplikationen konfigurieren, so wie ich es mir seit jeher auch für den iPhone-Standby-Bildschirm wünschte. Mit Apple Watch lässt dieser Wunsch nach. Kurze Hinweise auf Kalendereinträge und Erinnerungen funktionieren am Handgelenk deutlich besser.

IPhoneBlog de Siri Overcast Wetter Passbook

Insgesamt steht der Umgang mit Watch OS in starkem Kontrast zu iOS. Auf die Uhr reagiert man in erster Linie anstatt aktiv Tätigkeiten anzustoßen.

Alles was über den Konsum von Hinweisen und Benachrichtigungen hinausgeht, hängt an der Spracheingabe. Siri funktioniert ausgesprochen gut, scheitert für mich aber regelmäßig an der fehlenden Mehrsprachigkeit. Bleibt man in nur einer Sprache, funktioniert das Diktat von Nachrichten und Anweisungen hervorragend; streut man allerdings englische Wörter in deutsche Sätze oder kommuniziert je nach Kontext sowohl in Deutsch wie auch Englisch, bricht das System. Am iPhone weiß man anhand der ausgewählten Tastatur welche Sprache gerade verstanden wird. Für Apple Watch ist das so nicht nachvollziehbar.

Digital Touch, die liebevollen Taps und Scribbles, begeistern. Allerdings wirken sie derzeit noch wie ein Fremdkörper für die Uhr, weil sie keinen Verlauf besitzen und auch nicht in die Nachrichten-App eingebunden sind. Herzschläge darf man sich einmal anhören und findet sie anschließend nicht wieder. Digital-Touch-Kommunikation ist so verdammt persönlich und zur selben Zeit Mitteilungen, die sich selbst zerstören (und die man vor dem Abschicken auch nicht noch einmal überprüfen kann).

Diese Widersprüchlichkeit verstehe ich auch nach zwei Wochen nicht. Ich versuche regelmäßig nach dem Erhalt einer solchen Nachricht sie wiederzufinden (obwohl ich weiß, das Watch OS sie bereits entsorgt hat), und antworte durch mein hektisches Tippen auf den Bildschirm dabei (öfters als mir lieb ist) mit abstrakten Strichzeichnungen.

Zwei weitere Unverständlichkeiten:

  • Apple Watch ist nicht in der Lage Anrufe über FaceTime Audio anzunehmen.
  • Benachrichtigungen poppen unangenehm ins Bild, egal was man gerade macht. Manchmal führt das sogar dazu, dass man aus der App, die man gerade benutzt, geworfen wird.

Weitere (unsortierte) Auffälligkeiten:

  • Apple Watch benötigt zum Setup bereits in seiner ersten Generation keinen Mac. Die initiale Einrichtung ist ein absolutes Highlight – inklusive einem stylischen Barcode.
  • Alle ungelesenen Benachrichtigungen lassen sich mit einem Force Touch entfernen. Eine clevere Geste, die hoffentlich auch das iPhone bekommt.
  • Apple Watch ist eine Uhr, die man niemals stellen muss, weil dies das iPhone übernimmt.
  • Apple Watch braucht man niemals aufzuräumen. Senkt man den Arm oder deckt die Uhr mit der Hand ab, landet man beim nächsten Blick zur Uhr gewöhnlich wieder auf dem Zifferblatt.

Watch OS ist nicht kompliziert, es ist neu. Das Betriebssystem folgt einem frischen Bedienmuster, das sich vom iPhone deutlich unterscheidet. Eine Lernkurve zu Beginn ist definitiv vorhanden. So wie damals beim iPhone Classic, als Apple im Jahr 2007 Videos veröffentlichte, wie man beispielsweise eine SMS schreibt. Apple hat es diesmal geschafft, in neun kurzen Videotouren mehr zu erklären, als der normale Anwender von der Uhr erst einmal fordert1.

IPhoneBlog de Remote

„Killer-Apps?“

Apple Watch hat bislang keine klar zu identifizierenden Killerapplikationen, aber eine Handvoll Apps, die sich aus dem stimmigen Gesamtpaket hervortun.

Remote ist die Apple-TV-Fernbedienung, die nie verloren geht. Ich bin ohnehin darauf angewiesen meine Apple-Set-Top-Box über Bluetooth anzusprechen, weil keine direkte (Infrarot‑)Sichtverbindung besteht. Die iOS-App scrollt mir zu unpräzise; um eine Wiedergabe zu pausieren dauert es oft mehrere Sekunden bis man überhaupt die App auf dem iPhone gestartet hat. Im Gegensatz dazu weiß die Remote-App auf der Watch wann ich auf dem Apple TV etwas schaue und drängt sich deshalb beim Anheben des Arms unverzüglich in den Vordergrund.

Die Foto-Fernbedienung hebt unsere Selfie-Bildqualität. Nein, ernsthaft: das Live-Bild des iPhones auf der Watch anzuschauen, zu überprüfen ob alle Personen im Bild stehen und dann den Kameraauslöser zu drücken, ist ein Feature, das wohl jeder nachvollziehen kann.

Aktivität beweist: Gamification funktioniert. Die drei Kringel – Bewegen, Trainieren und Stehen – geben einen guten Überblick wie aktiv man bereits heute war. Auf dem iPhone kann man diese Rückschlüsse für die ganze Woche und den Monat ziehen. Eine nächste (logische) Ausbaustufe ist die Integration von Challenges oder Leaderboards, auf denen man Freunde und Freundinnen herausfordert und sich vergleicht.

Passbook schiebt (Flug‑)Tickets ins Blickfeld, die bald vorzuzeigen sind – genau wie das iPhone. Für meinen ersten Flug, am Tag als ich mir die Apple Watch aus Berlin abholte, konnte ich bereits mit einer Bordkarte auf der Uhr einchecken. Passbook ist eine dieser Apps, die viel Häme zum Start einstrich und auf die man inzwischen nicht mehr verzichten kann.

IPhoneBlog de Apple Watch Regen

Watch OS 1.0 wirkt durch App-Store-Apps, die nicht auf der Uhr laufen, insgesamt ausgebremst. Es ist nicht der S1-Chip, sondern die Verbindung zum iPhone, die das gesamte Betriebssystem für den normalen Anwender in ein schlechtes Licht rückt. Watch-Apps entsprechen derzeit nicht Apples hohen Standards.

Dieser Kompromiss ist jedoch wohl kalkuliert: Die Uhr wird in den nächsten Jahren ihren Mehrwert von Drittanwendungen beziehen. Entwickler bereits jetzt, zum Start, noch nicht aufs System zu lassen um Vertrauen in die Software-Gestaltung zu bekommen, gäbe das falsche Signal.

Trotz Verzögerungen lässt sich allerdings schon jetzt erkennen, wie Apple Watch die Benutzung des iPhones innerhalb der eigenen vier Wände entzerrt. Durch die Kombination von Bluetooth und WiFi steht die Uhr bei mir bis in den Garten in Verbindung mit dem iPhone. Bereits nach zwei Wochen empfinde ich es als normal das iPhone drinnen liegen zu lassen. Das war vorher schlicht unvorstellbar.

Die Uhr, der Gatekeeper.

The Watch is the first device that’s encouraged me to spend as little time as possible with it, or with any of the other electronic sinkholes around my office, my home, and in my pockets. It’s the first product that lives in this world, offering a small, brief window into the digital one – instead of being a portal that envelopes us, pulling us into another place to be held hostage by our own need for novelty and trivial diversion

Matt Gemmell

Die beschränkten Möglichkeiten der Uhr kann man auch als künstliches Stoppschild verstehen sich nicht von einer initialen Benachrichtigung in unzähligen Twitter-, Mail- und Facebook-Ablenkungen zu verlieren. Dazu auch lesenswert: „How the Apple Watch Cured My iPhone Addiction“ von Evgenia (Jenny) Grinblo.

Android Wear

If people use their phones less, Apple is no better or worse off, since Apple profits from selling you an iPhone, not from your use of it.

Google, however, is worse off if people use their phones less. People will search less frequently, so Google will show them fewer ads, and the company will thus make less money.

Matt Richman

Ich verfolge gespannt den Fortschritt der konkurrierenden Uhren.

Für mich steht aber schon fest, dass ein rundes Design, so wie beispielsweise bei der Moto 360, das viele Augen als ästhetisch beschrieben, für smarte Uhren nicht funktioniert. Insofern man Bilder und Text auf diesen Geräten konsumieren möchte, darf das Display nicht rund sein.

Außerdem offensichtlich: Apple Watch trägt durch seine Integration mit dem iPhone auf tiefster Betriebssystemebene – angefangen bei der Bluetooth-WiFi-Verbindung bis zu Sicherheitsfeatures von Apple Pay, einen Vorteil, den die Pebble oder Android Wear nicht erreichen können.  

IPhoneBlog de The Watch

„I Think the Wrist Is Interesting“

Ich habe lange über die Position am Handgelenk nachgedacht. Seitdem ich Apple Watch benutze ist mir klar: Das Handgelenk ist der einzige derzeit vorstellbare Platz am Körper, der für ein Wearable mit Bildschirm sinnvoll erscheint.

Google Glass, selbst wenn es jemals zu einem akzeptablen Preis in den regulären Verkauf gegangen wäre, wäre gescheitert. Es ist ein technisch faszinierendes Produkt, das keine soziale Akzeptanz erhielt. Wir leben (noch?) nicht in einem Zeitalter, in dem wir uns Dinge ins Gesicht kleben. Futuristischer als Apple Watch gehts derzeit nicht – zumindest nicht dann, wenn man davon mehrere Millionen Stück verkaufen möchte.

Unabhängig davon ist Apple Watch derzeit gerne eine Uhr. Sie will gesehen werden; sie will als Uhr auffallen; sie wird in einem Herstellungsprozess gefertigt, der sich mit den Standards von Uhrmachern vergleichen kann.

IPhoneBlog de Jacke

Ein Fazit? Fragt mich in 6 Monaten noch einmal. Kein Witz, ich stecke a) noch völlig im Hype ‚des Neuen‘ und b) scheinen native Drittanbieter-Apps zwar in Reichweite, bleiben aber nicht ausprobiert. Entwickler krempeln erst jetzt, mit den ersten eigenen Testgeräten, ihre Anwendungen noch einmal vollständig um.

John Gruber behält recht wenn er schreibt: „Die Frage ist nicht ob du Apple Watch brauchst, sondern ob du Apple Watch willst.“ Auch das iPhone Classic musste man in erster Linie wollen, bevor das Telefon einige Generationen später nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken war.

Das iPhone räumte bekanntlich nicht den Telefonmarkt von oben auf, so wie anfangs vermutet, sondern zerriss den Computermarkt von unten. Apple Watch hat kein klares Feindbild, einen Markt, den es umkrempeln will. Apple Watch konkurriert mit traditionellen Uhren zwar ums Handgelenk, visiert aber eine Zielgruppe an, die – dank iPhone, keine Armbanduhr mehr trägt.

Das Handgelenk scheint lediglich die richtige Position für ein Wearable, das man dauerhaft trägt, und keine strategische (Angriffs‑)Entscheidung. Die Uhr kann in dieser Position etwas leisten, dass das iPhone niemals leisten wird. Und trotzdem ist es kein Zufall, das Apple Watch nur in Kombination mit einem iPhone funktioniert. Die Uhr baut auf Technologien, die heutzutage primär am iPhone entstehen. Anstelle komplett von vorne zu beginnen, als autarkes System mit eigenständigen Apps, wählte Apple den Weg der Symbiose, eine Lebensgemeinschaft zu beidseitigem Nutzen.

Apple Watch erweitert den Blick auf eine stärker vernetzte Zukunft ohne uns mehr Technik vorzusetzen. In einigen Fällen entfernt Apple Watch sogar (größere und anspruchsvollere) Technik aus unserem Alltag.

Wenn dieser Lernprozess weiter voranschreitet, und auch so empfunden wird, gefällt Apple Watch in den nächsten Jahren ohne Mühe ziemlich vielen Menschen.


  1. Fragt mal rum wie viele technikferne iPhone-Besitzer bereits die Benachrichtigungszentrale und das Kontrollzentrum entdeckt habe, das wir seit iOS 5 kennen. 

Social

Abonnement

iPhoneBlog #one präsentiert wöchentlich neue Videos über App-Store-Apps und einen täglichen Ideenaustausch im privaten Slack-Kanal. Noch nicht dabei? Werde Abonnent.

Du hast schon einen Account? Login.

Support

App Store

Wer eine beliebige iPhone-App im App Store über diesen Link kauft, seinen Mac mit Software aus dem Mac App Store bestückt oder ein Produkt seiner Wahl bei Amazon bestellt, unterstützt das iPhoneBlog mit einem kleinen Prozentsatz des (unveränderten) Kaufpreises.

Archiv

Gastfreundschaften