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van Alex Olma
7. Juli 2015 – 14:42 Uhr

Eigentum verpflichtet. Musik-Miete nicht.

Apple Music ist nun eine Woche alt. Dabei verging kein Tag an dem Apples Streamingdienst nicht im Zusammenhang mit irgendeiner Meldung gelobt und kritisiert, verteufelt und vergöttert wurde. Aber blenden wir das alles, die offensichtlichen Bugs, die Fehlkommunikation und auch die Begeisterung für den Moment aus. Viel davon wird sich bereits über die dreimonatige Testphase ausbügeln, einspielen, abkühlen, festsetzen und besser verstanden werden.

Die Frage, die mich interessiert, betrifft die langfristige Perspektive von Musikstreaming. Ich habe keinen Zweifel daran das Musikbesitz, so wie wir ihn seit CDs, Napster und iTunes kennen, in den Hintergrund treten wird. Musikstreaming ist das Format mit den meisten Vorteilen; Smartphones und Tablets sind bereits heute die bevorzugten Abspielgeräte.

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Apple Music schreibt sich spät ein. Insbesondere wenn man YouTube als übermächtige (Musik‑)Streaming-Plattform berücksichtigt. Beschränkt man seine Perspektive auf Spotify, Rdio und Co., ist man mit ein paar Millionen zahlender Kunden dagegen noch relativ jung dabei.

Apple Music ist der erste Dienst, der auf einen Schlag ganz viele Leute vor die Frage für bezahltes Musikstreaming stellt. Ein (zentrales?) wiederkehrendes Argument: „Wenn ich miete und aufhöre zu zahlen, habe ich nichts mehr.“

Die Argumentation übersieht, dass wir in ganz vielen anderen Lebensbereichen die Miete bereits dem Eigentum vorziehen. Wir nutzen Carsharing oder Uber, weil wir nicht täglich neu nach Parkplätzen suchen wollen; den (TÜV‑)Termin und Sommerreifenwechsel anstrengend finden oder es schlicht genießen unterschiedliche Fahrzeuge auszuprobieren. Mit der Miete einer (Airbnb‑)Wohnung verhält es sich nicht anders: Man ist ungebunden, frei in seiner (Reise‑)Auswahl und die Verpflichtungen sind gering.

Eigentum kostet. Auch bei digitaler Musik.

Festplatten sind zwar günstig, der (Transport‑)Aufwand ist aber hoch. Wir alle haben in den letzten 15 Jahren schon auf Gigabyte große Laufwerke gewartet, wie sie Musikordner kopieren. Wir haben iTunes-Bibliotheken aussortiert, weil man beim Umstieg auf SSDs plötzlich mit seinem Platz haushalten musste. Jeder von uns hat Metadaten für Musik aus Torrent-Downloads nachgetragen oder Geld in Rohlinge versenkt.

Zugegeben: Das alles waren Technologien ihrer Zeit. Oft ging es nicht anders. Zum Glück sind diese Zeiten vorbei. Das bedeutet auch: Ein Streamingdienst koppelt den Computer ab. Musik gehört auf Lautsprecher und Kopfhörer. Der PC durfte bislang nur mitspielen, weil er die Speicherkapazität für die Verwaltung der lokalen Dateien übernahm. Mit einem Streamingservice erfüllt er in der Kette keine Funktion mehr. Man klappt ihn zu und die Musik spielt trotzdem weiter. Und da die Anzahl der Smartphones schon lange die der Computer überrundet hat, haben durch die Verbreitung von Streaming-Diensten viel mehr Personen Zugriff auf Musik.

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Seitdem ich mein Spotify-Abo, später mein ‚Beats Music‘-Abo, bezahle, liegt mein Musikordner weitgehend unangetastet auf einer separaten Festplatte – ohne Backup. Eigentlich fordere ich heraus, dass diese HDD den Geist aufgibt. Vermissen würde ich sie nicht.

Ihr merkt: Ich bin niemand der Musik gesammelt oder gepflegt hat. Seit 2010, seit Spotify, sieht die Musikindustrie trotzdem Geld von mir. 120 Euro im Jahr stehen dabei nicht annähernd im Vergleich mit meinen Investitionen davor. Der Komfort ist es mir aber wert, und die Musik natürlich auch. Seitdem Beats Music aber seine Playlisten nicht einem Computeralgorithmus überlässt, gewinnt Streaming für mich auf ganzer Linie.

Beats Music, heute Apple Music, ist ein ‚All-you-can-eat‘-Buffet, bei dem man wahllos zugreift, sich alternativ aber auch vom Küchenchef verschiedene Menüs zusammenstellen lässt, die tatsächlich harmonieren.

Aber: „Wenn ich aufhöre zu zahlen, habe ich nichts?!“

Falsch. Du hattest Zugriff auf mehr Musik als du dir jemals kaufen kannst. Einige der vorgeschlagenen Wiedergabelisten sind nur möglich, weil der komplette Musikbestand zur Auswahl herangezogen wird.

Zugegeben: Wer sich nur zwei bis drei Alben pro Jahr kauft, immer nur diese Titel in Dauerschleife hört und kein Interesse an einem Remix seiner eigenen Musik oder ähnlich gelagerten Künstlern hat, und es obendrein erträgt per Hand seine Songs auf alle Geräte zu synchronisieren, fährt finanziell günstiger.

Doch wie lange? Selbst wenn man kauft, sitzt man nur auf der jeweils aktuellen Qualität. Wer früher Kassetten gehört hat, ist (bis in alle Ewigkeit) daran gebunden. Wer CDs erwarb, hat heute kein HD-Audio. Die Option auf einen Streamingdienst zu wechseln, bei dem (potenziell) die Qualität, der Service und die Software automatisch wächst, ist reizvoll. Miete verpflichtet nicht; Besitz schon.

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Es erklärt sich von selbst, dass jeglicher Setup-Aufwand entfällt. Wer sich auf einem neu gekauften iPhone oder Mac einloggt, findet dort alle seine Titel, Playlisten und Konfigurationen vor.

Natürlich kann man all dem abschwören und weiter seine eigene Mediathek pflegen. Einige Übergangsprobleme, die ich überhaupt nicht übersehen möchte, sind groß. Mobilfunkverträgen fehlt weiterhin richtiges Datenvolumen. Nicht jeder Titel ist auch als Stream zu erhalten.

Apple Music probiert deshalb den Spagat zwischen Kunden, die bereits Musik mitbringen sowie neuen Hörern, die nie zu Käufern wurden. Kein anderer Streamingdienst musste oder wollte sich dieser Herausforderung annehmen. Das ist keine Entschuldigung für die (teilweise gravierenden) Probleme, sondern eine Aufforderung ihnen nachzugehen. Es ist sicherlich einer der Gründe, bei dem die ausschweifende Probezeit von drei Monaten hilft.

Die knapp 100 Tage – eine typische Schonfrist für Politiker und Präsidenten, dient aber in erster Linie dazu den Wandel nachzuvollziehen, sich darauf einzustellen, dass Musikkonsum sich erneut ändert.

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