Nach 4 Monaten: die Apple Watch Series 7

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Schaut man nur aufs Aluminium-Modell, ist Series 7 die bislang schwerste Apple Watch. Mit 38.8g respektive 32g übertrumpft die Uhr in ihren neuen 41mm- respektive 45mm-Gehäusegrößen jede andere Watch-Generation.

Wenn man dann jedoch die Feinwaage aus der Schublade holt, relativiert sich der Gewichtsunterschied mit den Vorgängermodellen auf nur wenige Gramm1. Das ist insbesondere dann bemerkenswert, wenn man beachtet: Noch nie war das Apple-Watch-Display größer.

Das Augenmerk liegt zuerst aber auf dem kleineren Modell: Die 41mm-Fassung bietet (fast) den gleichen Bildschirmplatz, den die großen Modelle der letzten Generationen boten. Dies verdankt sie den reduzierten Bildschirmrändern.

„I’m not gonna lie“ … ich dachte, dass diese offizielle Grafik ein schlechter Fake sei. Doch, nein: Die Bildschirmdimensionen stimmen genau so.

Das bedeutet gleichermaßen: Alle diejenigen, die sich zuvor nicht zwischen den zwei Watch-Größen entscheiden konnten, horchen jetzt auf. Wer noch kein Vermögen in Armbänder investierte, kann für sich in diesem Jahr auch das kleinere Modell ausprobieren.

Signifikant ist in der täglichen Praxis aber eine Gegenüberstellung der Helligkeit des „Always-On“-Displays. Series 7 ist im gedimmten Standby-Screen („Wrist down!“2) so hell wie alte Watch-Modelle auf ihrer höchsten Helligkeitsstufe.

Bereits Series 6 war in diesem Modus, der auch die Bildwiederholungsrate bremst, deutlich heller als seine Vorgänger; Series 7 dreht aber noch einmal kräftiger auf. Selbst nach vier Monaten am Handgelenk bin ich mir nicht immer sicher, ob mein Seitenblick auf den abgedunkelten oder den aufgedrehten Screen fällt. Erst ein Dreh an der digitalen Krone verrät, ob die Bildschirmhelligkeit runtergeregelt war.

Das ist ziemlich verrückt, wenn wir bedenken, dass das „Always-On“-Display erst zweieinhalb Jahre existiert.

Ebenfalls verrückt: Apple scheint der Bildschirmbeleuchtung das größte Akku-Budget zuzuschreiben – so wie David Smith auf seinen Wanderungen durch das Hochland von Schottland herausfand. Im „Theater Mode“ machte es nämlich kaum einen Unterschied, ob die GPS-Ortung und der „Workout Mode“ lief – deutlich anders als noch in den Generationen zuvor.

Den größeren „Immer-An“-Bildschirm unterschätzten die ersten Testberichte zur Series 7 eklatant. Series 6S? Ernsthaft?

Was richtig ist: Die Uhr trägt sich nahezu identisch zur Series 6. Dabei bietet sie aber weitaus mehr Bildschirmplatz. Einerseits lassen sich damit mehr Inhalte einsehen (Mail, Nachrichten, etc.); andererseits wurden die „Touch targets“ deutlich vergrößert und damit fingerfreundlicher. Das merkt man zuerst am Sperrcode und Kontrollzentrum; es zieht sich jedoch durchs komplette Betriebssystem.

Mit dem Privileg einer guten Sehstärke ist das vielleicht nur nett; für alle Personen mit einer Sehschwäche kann dadurch die Uhr erst benutzbar sein.

Der größere Bildschirmplatz ermöglicht es beispielsweise zwei zusätzliche Textgrößen anzubieten. Und die leichter zu treffenden Buttons helfen auch mir in der tagtäglichen Bedienung. Ich werfe jeden Tag einige Hunderte von Seitenblicken auf die Uhr und profitiere von der besseren Lesbarkeit.

Das Display schwappt nun direkt an die Gehäusekante, bietet dadurch aber nicht nur mehr Bildschirmplatz. Es nähert sich so einer Optik von traditionellen Uhren. Das Glass verschmilzt mit dem Gehäuse und sitzt nicht mehr nur flach wie ein Screen auf dem Armband.

Das Display reicht bis in die Ecken. Die gesamte Fläche wirkt dadurch nach innen gerichtet. Series 7 liegt nicht dünner am Handgelenk, wirkt aber so.

Dadurch konnte Apple das Frontglas verstärken. Es ist jetzt „die robusteste Apple Watch aller Zeiten“3. Für mich ist es aber der optische Effekt, der keinen Weg zurück zulässt. Die Watch büßt damit einen Teil ihres Charakters als geekige Computeruhr ein. Man nimmt sie ernster. Und in den kleinen Dimensionen der Watch ist das eine gravierende Änderung.

Tatsächlich unverändert ist das Panel und der Prozessor. Beides ist der letzten Generation entnommen. Das ist kein Novum. Beim Wechsel von der Series 4 auf die Series 5 war dies ebenfalls Apples „Tick-tock“-Strategie.

Spätestens jetzt ist noch einmal der Blick auf die Laufzeit interessant. Sie ist nämlich ebenso unverändert.

Augenmerk wurde diesmal auf das schnellere Aufladen über den (weiterhin proprietären) Ladepuck gelegt. Wie schon an anderer Stelle betont, hatte ich das 33-Prozent schnellere Laden anfänglich als unwichtig abgetan. Inzwischen ist es mein Lieblingsfeature, weil die irrsinnig kurzen Ladezeiten fundamental meine (eingespielten) Watch-Lade-Routinen geändert haben. Die Voraussetzung ist jedoch das beigelegte Ladekabel.

Mittlerweile warte ich auf die 10-Prozent-Akku-Warnung, und werfe die Uhr dann für ein paar Minuten auf den Ladepuck. Eine Dusche oder ein Frühstück später ist dann die Uhr für die nächsten Stunden mit Strom versorgt.

Aktuelles Beispiel: Gestern entschloss ich mich eine Runde um den Block zu joggen, als die 10-Prozent-Warnung aufsprang. Bis ich die Kleidung angezogen hatte, war die Uhr zurück auf einem komfortablen Akkustand von 20-Prozent.

Mich erinnert das an den (mentalen) Komfort, den uns das erste iPhone mit „Fast Charging“ brachte.

Bekannte Kritikpunkte bleiben. Viel zu wenig Liebe fließt in die Zifferblätter – insbesondere die älteren Zeitanzeigen. Apple sollte die Kapazität besitzen, mit dem jährlichen watchOS-Release auch die alten Blätter anzupassen. Das tun sie jedoch viel zu selten.

Auch nach vier Monaten fehlt noch die deutsche Bildschirmtastatur. Warum? Es ist zwar ein Feature, das ich für unnötig halte und mit meinen englischen Sprach- und Regionseinstellungen nie benutzt habe, trotzdem demonstriert es eine Art Sorglosigkeit.

Ähnlich wie Walkie-Talkie. Seit watchOS 5 hat sich dort nichts weiterentwickelt. Die Idee bleibt für ausgewählte Situationen cool, aber wenn ich es dann einmal verwenden will, schlägt es fehl oder kennt die eingeladenen Kontakte nicht mehr.

Apples Aufgabe ist es, die Software-Story der Watch signifikant weiterzuerzählen. Man bedenke einfach mal: Erst seit watchOS 8 können App-Entwickler außerhalb von Cupertino bestimmen, was die Watch im gedimmten Standby-Screen anzeigt.

Der watchOS-Abwärts-Support bis zur Series 3 (!) ist lobenswert, aber große Teile der Benutzeroberfläche benötigen ein Facelift. Die neuen Displaygrößen verlangen das.

Und zuletzt fordere ich etwas, das ich in jedem einzelnen Jahr zuvor schon verlangt habe: mehr Unabhängigkeit! Die Zwangskopplung an das iPhone gehört gekappt. Die Watch benötigt eine tatsächlich autonome Simkarte und muss damit auch über Ländergrenzen hinweg funktionieren.

Im Moment behält die Watch ihren großen Fokus auf Sport und Gesundheit, schöpft aber nicht ihr Potenzial als Computeruhr aus.

Trotzdem macht es niemand besser. Mitbewerber zur Apple Watch sucht man weiterhin vergebens. Es gibt sie schlicht nicht.

Einer der Gründe ist Apples penetrante Weiterentwicklung. Die Apple Watch ist so erfolgreich, weil sie jedes Jahr hartnäckig Features von der Wunschliste streicht. In manchen Jahren sind die ausgestrichenen Einträge größer als in anderen Jahren. Es ist aber die Konstanz, die die Uhr permanent nach vorne pusht. Und trotzdem ist noch viel „Luft nach oben“.

Ich vermisse neue (Gesundheits-)Sensoren – respektive deren Weiterentwicklung. Die Blutsauerstoffmessung ist beispielsweise weiterhin nicht zertifiziert.

Solche Forderungen sind natürlich leichter getippt, als zuverlässig funktionierend in einen Mini-Computer geschraubt. Aber wie cool wäre ein miniaturisiertes Fieberthermometer am Handgelenk?

Series 7 ist insgesamt ein bemerkenswerter Sprung für den Bildschirm und Fast-Charging, während gleichzeitig das Frontglas besser gegen Bruch, Staub und Wasser geschützt ist.

Wie bereits erwählt, werfe ich pro Tag Hunderte von Seitenblicken auf die Uhr. Anstelle aktiv Informationen anzufordern, bekomme ich sie so (diskret) zugesteckt. Das bleibt die Stärke der Apple Watch und wurde durch den größeren und helleren „Immer-an“-Bildschirm signifikant verbessert, obwohl sich die Watch wie zuvor am Handgelenk anfühlt.

Es sind diese tagtäglichen verbesserten Interaktionen, die selbst für Träger und Trägerinnen einer Series 4 und 5 ein legitimes Kaufargument für die Series 7 darstellen.


  1. Series 6, Series 5, Series 4, Series 3, Series 2 und Series 1
  2. Apple bezeichnet diesen Mode immer noch als „Ruhezustand“.

    Spätestens wenn das iPhone einen „Immer-an“-Standby-Screen bekommt, sollte sich Apple dafür einen passenderen Namen überlegen (Energiesparmodus?). 

  3. „50 % dickeres Frontglas. An der höchsten Stelle ist es mehr als doppelt so dick wie das Frontglas der Apple Watch Series 6, was es stärker und robuster macht.“