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van Alex Olma
18. Juli 2017 – 10:44 Uhr

Das 10.5” iPad Pro

Im vierten Quartal 2005, vier Jahre nach dem ersten iPod, repräsentierte der ikonische MP3-Player die Hälfte von Apples Gesamtumsatz und man begann sich intern zu fragen: „Welches Gerät macht den iPod einmal überflüssig?“

Einen Eintrag ins Geschichtsbuch war dem iPod bereits damals sicher. Das er sich jedoch als Heilsbringer der gesamten Firma aus Cupertino entpuppte, war zu dieser Zeit alles andere als gegeben. Sich bereits damals die Frage zu stellen, wie die nächste oder übernächste Generation ihre Musik hört, klingt in meinen Ohren früh. Gleichzeitig macht es aber deutlich mit welchem Versatz in der Entwicklung solcher Gadgets wir als normale Kunden leben (müssen).

Wie sich die Frage der iPod-Nachfolge beantwortete, wissen wir alle. Schlussendlich war es das iPhone, das mit seinem vierten und fünften Modell den iPod komplett von der Bildfläche fegte. Was viele Menschen heute noch nicht wissen (oder wahrhaben wollen): Dass was das iPhone für den iPod war, ist das iPad für den Mac.

Seit Jahren kommen die Einschläge dafür näher: Das iPad Pro vor zwei Jahren hatte die gleiche Rechenpower wie das damals (und heute) aktuelle MacBook Air. Die neuen iPad Pros sind mit ihren A10X-Prozessoren inzwischen auf Augenhöhe mit dem Mac Pro aus 2013 (single core) und vergleichbar mit dem 13-Zoll MacBook Pro aus 2016 (multi-core). Es ist ein gigantischer Sprung mit dem Apple zu Intels Silizium aufschließt.

Am Ende wird es aber nicht die Prozessor- oder Grafikpower sein, die die meisten Menschen in Zukunft zu einem iPad beziehungsweise Tablet-ähnlichem Gerät zieht. Den Unterschied macht der Komfort, die Art und Weise wie wir gerne arbeiten. Schlussendlich will man im Alltag nämlich nicht mehr den Truck fahren, sondern das sportliche Elektroauto.

Ich weiß, dass klingt abermals wie der typische Abgesang auf den Personal Computer – von so jemandem wie mir, der bereits seit ein paar Jahren vom iPad aus arbeitet. Und ja, ich kann mir vorstellen wie ermüdend es ist seit Jahren eine Zukunft gepredigt zu bekommen, aber aktuell seiner Arbeit schlicht nicht ohne einem Mac nachgehen zu können (mich übrigens eingeschlossen). Deshalb an dieser Stelle eine optimistische und realistische Aussicht.

Der Mac hat im nächsten Jahrzehnt die riesige Chance noch viel mehr Nischenpositionen zu besetzen, als das heute vorstellbar ist. Der Mac bleibt komplex, weil das iPad ihm die Nutzung als bessere Surf-Email-Game-Maschine abnimmt. Der Mac kann sein mannigfaltiges Fenster- und File-Design behalten, weil das iPad eine schlanke Arbeitsumgebungen bietet. Ums noch deutlicher zu sagen: Ohne das iPad müsste der Mac seine Komplexität streichen, weil er damit nicht mehr der Mehrheit seiner Kunden und Kundinnen hilft.

Nicht verwechseln! Es geht in den nächsten Jahren nicht darum bestehende Desktop-Apps aufs iPad zu bringen, sondern einen Arbeitsablauf, der zum gleichen Ergebnis führt. Das klingt nach Haarspalterei, ist in vielen „Kann-mein-iPad-meinen-Laptop-ersetzen“-Diskussionen aber immer noch ein gerne übersehener Knackpunkt.

Es geht nicht darum Scripts und (Tastatur‑)Shortcuts nachzubauen, sondern nachzuvollziehen warum sich derzeit doppelt so viel Käufer und Käuferinnen für ein iPad entscheiden als den Mac.

Scott Forstall hat einen passenden Aspekt, in Bezug aufs iPhone allerdings, kürzlich schön auf den Punkt gebracht:

When the original iPhone came out, the reviews didn’t get it. The reviews talked about number of clicks. To send an email it takes you six taps or something. So it was being compared against other smartphones of the time, Blackberry and others, according to the metrics people thought were important at the time.

What they didn’t get was: We were changing the entire paradigm. We changed the entire way things were done.

Natürlich entschuldigt das nicht die immer noch mangelnde ‚Pro‘-Software-Situation fürs iPad. Für Entwickler war es in den letzten Jahren oft nicht wirtschaftlich viel Zeit und Ressourcen in eine sehr ausgefeilte App zu stecken – eine Pro-App. Meine Hoffnung ruht deshalb nicht nur auf iOS 11 (mit seinen erweiterten Multitasking-Fähigkeiten und neuen Schnittstellen), sondern allem voran auf dem App-Store-Redesign, das über eine Redaktion Software im gigantischen Katalog aufspürt und empfiehlt. Lichtblicke sind für mich bereits heute Apps wie Affinity Photo, Affinity Designer, Ferrite, Ulysses oder LumaFusion.

Ergänzend kommt hinzu: Seit diesem Jahr gibt es erstmals eine deutliche Unterteilung in puncto Hardware. Das 10.5” iPad Pro setzt sich technisch und preislich klar vom neuen 9.7” iPad ab. Damit trennen wir uns zum ersten Mal vom „Ein-Modell-für-alle“-Konzept. Jetzt gibt es ein Consumer- und ein Pro-Gerät, so wie damals Steve Jobs auf seiner 2×2-Matrix zwischen iBook und PowerBook beziehungsweise iMac und Power Mac unterschied.

Ich bin mir sicher, dass sich Features wie das ProMotion-Display oder der Pencil-Support in ein paar Jahren auch im EDU-iPad wiederfinden, aber nicht bevor das Pro-Modell sich anderweitig (nach oben) absetzt. Die Unterteilung ist entscheidend, weil es dem Produkt eine klare Linie überbügelt, die sich auch auf die Software und Software as a Service durchschlagen kann.

Der Bildschirm, ein gutes Stichwort: Das neue ProMotion-Display im iPad Pro ist eines der besten Displays, die man derzeit kaufen kann. Es ist nicht der am höchsten aufgelöste Screen (2224 x 1668px), aber mit 120 Hertz, True Tone, dem größeren P3-Farbraum und einer neuen Maximalhelligkeit (600 Nits) liefert es Argumente, die alleine das Upgrade wert sind – insbesondere wenn man von einem iPad Air (2) kommt.

Obendrein stellt sich nach einem Monat unter täglicher Nutzung die neue Bildschirmgröße von 10.5” als sehr passend heraus. 12.9” bleibt für mich das Schreibtisch-Format. Das alte 9.7” war bereits Couch-, Bett- und Flugzeug-kompatibel. 10.5” klingt nicht noch großartig viel mehr1, hilft aber beispielsweise enorm bei der Tastaturgröße und wirkt insgesamt weniger gedrängt (ohne dabei Intimität einzubüßen).

Fast-Charging ist für mich fast gleichbedeutend entscheidend. In meiner persönlichen Nutzung ist es nicht die summierte Akkulaufzeit, sondern wie schnell ich wieder Strom in die Geräte bekomme. Zwischenladen lässt sich häufig. Dann muss es aber schnell gehen. Fast-Charging beim 10.5” iPad Pro führt mir (jedes Mal) vor Augen, wie sehr ich es im iPhone 7 (Plus) vermisse.

Apropos vermissen: Ich frage mich wo das Zubehör für den Smart Connector bleibt, ob Apple plant einen offiziellen Akku-Pack fürs iPad anzubieten, ob Wasserfestigkeit auf der Roadmap für zukünftige Modelle steht und warum wir auf den tollen neuen nicht-mechanischen Homebutton verzichten müssen?

Fazit

Ich kann ohne Übertreibung behaupten, dass dem iPad die zweitgrößte Veränderung meiner Computernutzung in den letzten 10 Jahren zuzuschreiben ist. Platz 1 besetzt (selbstverständlich) das iPhone2.

In einigen Ohren mag das abwegig klingen. Es würde mich jedenfalls nicht wundern, weil die Tablet-Kategorie auch im siebten iPad-Jahr oft noch jung und unverstanden wirkt.

Festzuhalten aber bleibt: Das iPad Pro aus diesem Jahr setzt hinter alle technischen Eckpunkte, bei denen man in den letzten Jahren noch Zweifel an der kompletten Alltagstauglichkeit anbringen durfte, ein Häkchen. Die Hardware ist schlicht keine Ausrede mehr das iPad als persönlichen Computer zu ignorieren. Einzig und alleine die Software macht den Unterschied ob man damit seinen (Arbeits‑)Alltag bestreiten kann und will.

Und obwohl Grundsatzdiskussionen (in technik-begeisterten Medien) nicht abreißen, stehen demgegenüber viele Millionen Menschen, die ihre Arbeit bereits heute an einem iPad einfach gewuppt bekommen. Es ist faszinierend daran teilzuhaben.


  1. In der Tat passt der Gamevice-MFi-Controller vom 9.7” iPad Pro auch aufs 10.5” iPad Pro. 
  2. Reine Hardware-Komponenten, so wie Mesh-WiFi und SSDs, ignoriere ich für den Moment und für mehr Dramatik in der Formulierung. 

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